Brief des 1. Vorsitzenden Michael Brandner an die Mitglieder

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

wenn man beschlossen hat aufzuräumen, wird eine Menge Dreck aufgewirbelt und aus dem Schlamm kommen Widerstände, die lange das Tageslicht gescheut haben. Vielen von Euch geht es dreckiger als je zuvor. Der Schwund an Produktionen, der Gagenverfall und der Mangel an Achtung haben aus dem Beruf des Schauspielers ein echtes Überlebenstraining gemacht.

Trotzdem haben wir in den letzten Jahren ein stetes Wachstum an Kollegialität und Branchenbewusstsein zu verzeichnen. Wir werden politischer und die Gespräche und Aktionen zeigen deutlich, dass die Schauspielerschaft als Partner auf Augenhöhe angesehen wird. Nichts desto trotz haben wir Jahrzehnte ohne eigene Interessensvertretung aufzuarbeiten. Da warten noch viele Baustellen auf uns, aber mit Euch im Rücken und an unserer Seite werden wir auch in Zukunft dafür Sorge tragen, dass unser Berufsstand geachtet und gesichert wird.

In den Tarifverhandlungen ist ein Lichtstreif am Horizont zu verzeichnen und wir hoffen, 2012 zu einer Einigung bei der Anfängergage zu kommen. Bei der Neuordnung der Arbeitslosengeld-Regelung (Arbeitslosengeld 1) wird gerade unser Wunsch nach einer gerechten Erweiterung der bestehenden Verhältnisse überprüft, um endlich eine Anpassung zu realisieren. Verwaltungsmühlen mahlen langsam.

In der Sicherung der Nachvergütung müssen wir weit ausholen. Das Buy-Out hat sich festgefressen, obwohl es eindeutig rechtswidrig ist. Wir müssen an der politischen Front klar machen, dass in dieser Nachvergütung der Schutz unserer Arbeit über den Arbeitsprozess hinaus besteht. Egal wo, egal wann - wenn ein Film erfolgreich ist, müssen die Schauspieler finanziell beteiligt sein.

Richtig finster sieht es bei der GVL aus. Jetzt haben einige von Euch ihr „GVL-Trinkgeld“ bekommen und sind stocksauer. Dazu haben sie allen Grund. Man stelle sich vor, dem normalen Arbeitnehmer würde ohne Vorwarnung im Dezember nur rund ein Prozent seines Gehaltes überwiesen. Die Leute würden auf die Barrikaden gehen. Die Informationspolitik der GVL, wenn wir sie denn so nennen wollen, war schlichtweg katastrophal. Obwohl wir nachhaltig darauf gedrungen haben, ist kein nennenswerter Versuch einer umfassenden Erklärung der Prozesse erfolgt. Offensichtlich unterschätzt die GVL die Tatsache, dass sie unsere Gelder verwaltet und somit zur Aufklärung verpflichtet ist.

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Der Unterschied zwischen „deutlich weniger“ und „so gut wie nichts“ sollte gerade einer Verwertungsgesellschaft bewusst sein. Es hätte schon lange detailliert klargestellt werden müssen, wie diese Summen zustande kommen und an welchen Fronten unsere bisherigen Gelder versickern.

Wir stehen anscheinend vor einer fatalen Anhäufung verschiedener Faktoren:

  • den katastrophalen Folgen der unter der Regierung Schröder begonnen Urheberrechtsnovellierung,
  • den Folgen eines Urheberrechts, das Schauspieler schon seit langem stark benachteiligt und sich durch die Verteilungsumstellung nun fatal bemerkbar macht.
  • Und den dramatischen Folgen der Umstellung von einer honorarbezogenen auf eine nutzungsbezogene Umstellung mit horrenden Rückstellungen seitens der GVL.

Ein Sumpf, in dem wir gerade gründlich baden gehen. Aber Vorsicht vor einer Vermischung der Dinge. Mit dem neuen ARTSYS-System und seinen ganzen, immer noch ungelösten Krankheiten oder dem Modell, nach Drehtagen Kategorien zu bilden, vergleichbar einer Einteilung in Haupt-, Neben- oder kleine Rolle, hat das herzlich wenig zu tun. Auch bei jedem anderen Modell wäre nicht mehr Geld geflossen.

Wir haben der GVL einen umfangreichen Fragenkatalog vorgelegt und versuchen Licht ins Dunkel zu bringen. Wir fordern eine verständliche und klare Auskunft, was für die horrende Kürzung unserer Ausschüttung verantwortlich ist, in welchem Umfang einzelne Aspekte dabei finanziell durch-schlagen und wie die Perspektiven aussehen. Dazu werden wir Euch in Kürze gesondert informieren.

Summa summarum wartet ein Jahr auf uns, das es in sich hat. Es mag so aussehen, als ob man uns das Leben bewusst noch schwerer machen will, als es ohnehin schon ist, aber dies ist immer noch der Beste aller Berufe und dafür lohnt es sich zu kämpfen. Deshalb, bevor ihr die Flinte ins Korn schmeißt, engagiert Euch und sorgt mit uns dafür, dass unsere Arbeit angemessen gewürdigt wird. Wir werden unseren Einfluss weiter ausbauen, um Politikern, Verwaltungen, Sendern und  Produzenten klarzumachen, wo und vor allem wie unsere Rechte durchzusetzen sind. Dazu brauchen wir vor allem Euer Selbstbewusstsein als Schauspieler.

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Verrückterweise haben wir gerade unter diesen Umständen Sponsoren für eine Party und eine Verleihung gefunden. Wir werden die daraus erwachsenden Chancen nutzen, um noch mehr Öffentlichkeit zu schaffen und auf die Löcher unseres Daseins hinzuweisen. Ich hoffe, zum „Tanz auf dem Vulkan“ viele von Euch wieder mal persönlich zu treffen und wünsche Euch bis dahin soviel Arbeit wie Ihr wollt.

Liebe Grüße

Michael Brandner

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Einen Kommentar

  1. Avatar

    Lieber Michael,
    Das ist ein sehr guter Brief, quasi ein Brandbrief. Nun habe ich eure Auffoderung über meine Agentur bekommen, Widerspruch einzulegen. Reicht da ein formaler Satz oder soll man da weiter ausholen?

    Herzliche Grüße
    Postberlinalisch la lotta continua
    Therese

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