Urheberrecht versus Nutzerrecht

Eine Standortbestimmung des BFFS

Es herrscht Krieg. Die Metaphern werden aufgerüstet, und die Gräben zwischen den Kriegern für das „Urheberrecht“ und den Kombattanten für das „Nutzungsrecht“ werden tiefer. Die Gegner eines Gesetzes zur stärkeren Kontrolle des Netzes organisieren sich sehr effektiv und gehen mit einer Entrüstung auf die Straße, als stünde tatsächlich die Meinungsfreiheit auf dem Spiel. Die Rechteverwerter dagegen prägen martialische Begriffe wie „Raubkopierer“ und schalten Spots, in denen diese mit Schwerverbrechern gleichgesetzt werden.

In dieser aufgeheizten Atmosphäre wird auch der BFFS als einer der wichtigsten Vertreter der Film- und Fernsehbranche nach seinem Standpunkt gefragt. Es handelt sich dabei allerdings selten um einfache Fragen, sondern eher um eingeforderte Solidarität oder Gegnerschaft, vorgebracht im rechthaberischen Ton des Kämpfers für die „gerechte Sache“. Wer nicht für uns ist, ist gegen uns. Die Kriegsmetaphern sind zur Normalität geworden.

Darum hier einige klärende Worte.

Das sogenannte „geistige Eigentum“ ist deswegen ein so heikler Begriff, weil er sich auf etwas bezieht, das man nicht sehen oder anfassen kann, aber deutlich wirkmächtiger ist als, sagen wir, ein Tisch, nämlich eine Idee. Für die Nutzer haben diese Ideen einen Wert, nämlich Unterhaltungswert, Anregungswert, Zerstreuungswert, Bildungswert, Inspirationswert.

Für die Urheber haben sie ebenfalls einen Wert: Den Tauschwert. Von diesem Wert leben sie, so wie der Tischler vom Tauschwert des Tisches lebt, den er herstellt. Wenn sie für diesen Wert nicht mehr vergütet werden, weil die Nutzer nicht mehr bereit sind, den angemessenen Tauschwert anzuerkennen und zu entrichten, müssen die Urheber einen anderen Wert herstellen, um leben zu können, zum Beispiel einen Tisch. Dann können sie allerdings keine Ideen mehr produzieren.

Nun ist es in dem hochkomplexen Produktionsprozess „geistigen Eigentums“ natürlich nicht so einfach wie bei der Herstellung eines Tisches. An einem Produkt wie dem Film sind viele Urheber beteiligt: Der Autor, der Regisseur, der Komponist, um nur einige zu nennen, und noch mehr Leistungsschutzberechtigte wie Schauspieler und Produzenten. Der Tauschwert muss also verteilt werden. Und Menschen wären nicht Menschen, wenn dieser Verteilungsprozess freiwillig in fairer Weise stattfinden würde. Darüber, welche Leistung an dem Gesamtkunstwerk Film wie viel wert ist, ist schon immer gestritten worden und wird immer weiter gestritten werden. Das ist normal und in der gegenständlichen Warenwelt nicht anders.

Aber seit es möglich geworden ist, dieses immaterielle „geistige Eigentum“ nahezu kostenlos zu kopieren und grenzenlos und umsonst zu nutzen, erscheint es vielen Menschen nicht mehr nachvollziehbar, dass der von ihnen genutzte Unterhaltungswert viel Arbeit und Geld gekostet hat. Die in der gegenständlichen Warenwelt nicht angefochtene Notwendigkeit des Auftraggebers eines solchen Werkes, Profit zu machen, um davon leben zu können, die Urheber und Leistungsschutzberechtigten angemessen zu vergüten und weitere Werke finanzieren zu können, wird plötzlich nicht mehr verstanden. Der vollkommen normale Streit über den Wert der einzelnen Urheberleistungen wird als Indiz dafür verstanden, dass der einzelne Künstler und Kreative letztlich nichts vom Urheberrecht hat, sondern nur die Verwerter, insbesondere die großen Produktionsgesellschaften.

Der wahre Kern dieser Argumentation besteht in dem, was wir seit Jahren schmerzhaft erleben, dem Gagendumping und der schleichenden Abschaffung jeder Folgevergütung. Es ist richtig: Die Kreativen werden nicht angemessen für ihre Leistungen vergütet. Dafür, dass sich das ändert, gibt es die Interessenvertreter der Kreativen wie den BFFS.

Der Denkfehler allerdings besteht in der Schlussfolgerung, dass es deshalb nicht nötig sei, für den genutzten Unterhaltungswert den angemessenen Tauschwert zu entrichten, weil er bei den einzelnen Urhebern und ausübenden Künstlern nicht ankommt. Denn so lange er noch entrichtet wird, kann man das durch Verhandlungen und Druck ändern. Wenn er überhaupt nicht mehr entrichtet wird, kann er aber auch nicht mehr verteilt werden, Verhandlungen hin oder her.

Nicht nur das: Wenn er nicht mehr entrichtet wird, kann dieser Wert irgendwann nicht mehr geschaffen werden oder nur noch in sehr fragwürdiger Qualität. Wenn man dem Tischler für seinen Tisch nichts mehr bezahlt, muss er irgendwann seine Werkstatt verkaufen und seine Tische mit dem Taschenmesser schnitzen. Das mag im Einzelfall zu interessanten Ergebnissen führen, in der Konsequenz wird es aber deutlich weniger, dafür aber schiefe und krumme Tische geben.

Nun wird von Seiten der Nutzer-Aktivisten natürlich offiziell nicht behauptet, dass Ideenwerke umsonst zu haben sein sollten, sondern dass sie jederzeit für jeden zu haben sein sollten und zwar in der Form, die dem Nutzer und nicht dem Hersteller am Besten gefällt. Dieses Argument ist ebenfalls nicht völlig von der Hand zu weisen. Warum Werke, die verfügbar sind, nur in bestimmten Territorien genutzt werden dürfen und in anderen nicht, ist nicht zu verstehen, solange der angemessene Tauschwert entrichtet wird. Auch das Argument, dass durch diese Verfügbarkeit neue Bedürfnisse geweckt werden, die für neue Käufe sorgen, ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Es gibt sicher Menschen, die durch die einfache Verfügbarkeit Werke bei i-tunes downloaden, die sie sonst nicht gekauft hätten. Und auch das Argument der Kreativität, der keine Grenzen gesetzt werden sollten, weil Kunst häufig das kreative Verarbeiten anderer Kunst bedeutet, ist in sich nicht falsch.

Es ist aber ebenso wahr, dass sehr, sehr viele Menschen es bevorzugen, sich die Musik und die Filme umsonst herunterzuladen, statt dafür zu bezahlen, manche mit schlechtem Gewissen, manche aus Sport und erschreckend viele, weil sie glauben, das Recht dazu zu haben. Als es möglich wurde, Musik kostenlos auf Tauschbörsen herunterzuladen, brach der Musikmarkt überall auf der Welt dramatisch ein, nirgendwo aber so stark wie in Deutschland, wo ein allseits bekannter Elektronikmarkt mit dem Werbespruch "Geiz ist geil" punkten kann.

Und das ist das wirklich Alarmierende: Wenn der Tauschwert von den Nutzern nicht mehr anerkannt wird, wird das Werk nicht mehr als Kunstwerk geachtet, das eine eigene Identität und Aura besitzt und die Inspiration, die es gibt, nicht mehr als Wert verstanden. Natürlich baut Kunst auf andere Kunst auf, selbstverständlich dürfen Künstler sich von den Werken anderer Künstler beeinflussen lassen und sie interpretierend weiterverarbeiten. Aber wenn dabei die Achtung vor der Leistung der Urheber verloren geht, verlieren wir weit mehr als einen der wichtigsten Wirtschaftszweige dieses Landes, dessen Wohlstand nicht auf seinem Öl- sondern seinem Ideenreichtum beruht.

Wenn das Kunstwerk nicht mehr geachtet wird, verlieren wir unsere Kultur und müssen in einer Gesellschaft leben, die von allen Geistern verlassen ist.

Facebook Kommentare

Rechtsschutz für BFFS-Mitglieder

13 Kommentare

  1. Avatar

    Ist das jetzt so zu verstehen, das für euch die Raubkopien dafür verantwortlich sind bzw. das Menschen angeblich nichts mehr für Kunst zahlen wollen, das unsere Gagen gedrückt werden? Wenn Produktion (und Verwerter) einen mit Mini-Gagen und Buyout konfrontieren, ist das ok weil sie natürlich an Geschäften interessiert sind, wie ihr schreibt? Wird Gagendumping und Buyout-Zwang etwa nicht aus Geschäftsinteresse betrieben?

    Ich finde euren Ansatz generell etwas unglücklich, weil er die Kunst sehr auf einen finanziellen Tauschwert, also aufs Geld verdienen reduziert. Aber genau dieses Denken, was auch „@s_mac“ in seinem Kommentar zur Schau trägt, ist meiner Meinung nach die Ursache dafür, das so gut wie kein Künstler von der Kunst leben kann. „Was nichts kostet ist nichts wert“ empfinde ich als extreme Beleidigung für Künstler (und andere Menschen) die ihre Arbeit gerne machen, auch ohne dafür bezahlt zu werden, und das betrifft auch unter den Schauspielern wohl ohne Zweifel die Mehrheit der Projekte. Ein Mensch ist nichts wert, wenn er kein Geld verdient, das ist der gesellschaftliche Geist, der hinter der Künstlerarmut steckt, weil er in mangelnde Anerkennung und Respekt gegenüber Künstlern und ihrer Arbeit mündet.

    Sascha Lobo hat grad auf Spiegel-Online einen wunderbar treffenden Artikel dazu geschrieben: „wenn Ameisen grillen“.

  2. Avatar

    eine Idee ist NICHT urheberrechtlich geschützt! Erst die Ausarbeitung einer Idee! (Beachte: Schöpfungshöhe!)

  3. Avatar

    Dieser Text war nicht der Versuch, „beiden Seiten der Diskussion gerecht zu werden“, sondern der einer grundsätzlichen Begriffsdefinition. Leider gibt es sehr wohl Menschen, und zwar nicht wenige, die ernsthaft der Meinung sind, dass der Begriff „geistiges Eigentum“ und das Urheberrecht nicht mehr in die Zeit passen und abgeschafft gehören. In dieser so kriegerisch geführten Diskussion, in der der jeweilige Gegenseite entweder Ahnungslosigkeit oder ausbeuterische Absichten untestellt werden, verschwimmen die Argumente, und die Behauptung, dass nur die „Top-Künstler“ und die großen Verwertungskonzerne vom Urheberrecht profitieren, wird immer wieder aufgestellt. Daraus wird dann durchaus auch gefolgert, dass die anderen, also die meisten, Künstler ohnehin nichts zu verlieren hätten.

    Es geht bei dieser Standortbestimmung aber in erster Linie darum, darauf hinzuweisen, dass kulturelle Produkte einen Wert haben, und dass diejenigen, die diesen Wert herstellen, dafür den Tauschwert erhalten müssen. Das leuchtet tatsächlich vielen Menschen nicht mehr ein. Menschen sind nun mal so: Wenn sie über einen längeren Zeitraum etwas umsonst bekommen, sehen sie den Wert nicht mehr, den es hat. Wenn man einen Tisch endlos kopieren könnte, würde die Tischlergilde ganz sicher auch über einen Kopierschutz für Tische nachdenken.

    Und auch das Argument, dass die „digitale Kulturrevolution“ nun mal eine Tasache ist und die unbegrenzte und kostenlose (oder – Stichwort „Kulturflatrate“ – sehr kostengünstige) Nutzung nur durch drakonische Maßnahmen eingedämmt werden könne, die niemand will, weshalb man es lieber gar nicht tun soll, heißt nichts anderes als: Da es so schwer ist, Diebstahl zu verhindern, soll er eben legalisiert werden.

    Wenn die Kulturschaffenden selbst nicht an den Verstand der Menschen appellieren und auf diese Zusammenhänge aufmerksam machen, wer soll es dann tun? Die Verwertungskonzerne sind natürlich an Geschäften interessiert. Warum wird ihnen das zum Vorwurf gemacht? Wie sollen sie sonst existieren? Natürlich gibt es vonseiten der großen Verwertungskonzerne absurde Exzesse beim Verfolgen tatsächlicher und vermeintlicher Urheberrechtsverletzungen, die niemandem wirklich nützen und nur den Sinn haben können, die Menschen einzuschüchtern. Ein solches Verhalten zu verteidigen ist selbstverständlich nicht die Absicht dieses Textes. Aber die Verwertungskonzerne insgesamt unter Generalverdacht zu stellen ist genau so absurd wie „die Netzgemeinde“ als Gemeinschaft. Wer soll die Künster denn für das bezahlen, was sie tun? „Die Netzgemeinde“? Auf freiwilliger Basis nach dem Motto „jeder gibt, was er für angemessen hält und zwar wann es ihm gerade passt“? Das könnten sich nun wirklich nur die „Top-Künstler“ leisten.

  4. Avatar

    pauschal einfach mal „sehr, sehr vielen“ menschen zu unterstellen, dass sie einfach nichts bezahlen wollen, gibt es dafür irgendwelche beweise? die hätte ich dann mal gerne gesehen.

Schreibe einen Kommentar