Das Einmaleins von Rechten und Pflichten

Vorsorgepflicht für Solo-Selbständige – und die Petition dagegen

Unsere Arbeitsministerin, Ursula von der Leyen, plant eine Altersvorsorgepflicht für diejenigen selbstständig tätigen Erwerbspersonen, die bisher von dieser Pflicht befreit waren. Dagegen wandte sich eine Petition, die von 80.000 Unterzeichnern – darunter zahlreichen Künstlern, auch Schauspielern – unterstützt wurde. Sie argumentieren: „Grundsätzlich stellt ein staatlicher Zwang zum Abschließen einer Versicherung einen erheblichen Eingriff in die persönliche Lebensgestaltung und wirtschaftliche Freiheit der Bürger dar.“ Diese flapsige These richtet sich gegen unser gesamtes Sozialsystem und provoziert die Gegenfragen: Kann eine Gesellschaft gezwungen werden, Bürger zu alimentieren, die auf ihre wirtschaftliche Freiheit pochen, nicht für sich selbst vorsorgen zu müssen? Gibt es eine wirtschaftliche Freiheit, anderen auf der Tasche liegen zu dürfen?

Dieser narzisstische Freiheitsgedanke wird vernünftigerweise in fast allen europäischen Ländern verneint. Dort besteht nicht nur für abhängig Beschäftigte, sondern auch für Selbständige eine Pflicht, für ihr Alter vorzusorgen. Deutschland hinkt da hinterher. Obwohl seit Anfang der 90er Jahre die Anzahl der Solo-Selbständigen stark angestiegen ist, wurde in Deutschland diese Gesetzeslücke noch nicht geschlossen – mit folgenden Schieflagen:

  • Immer mehr Beschäftigte werden in die (Schein-)Selbständigkeit abgeschoben bzw. immer mehr Beschäftigte werden von Selbständigen aus den Jobs gedrängt, weil sie von der Sozialversicherungspflicht befreit, für die Wirtschaft kostengünstiger sind.
  • Immer mehr Solo-Selbständige, die keine Vorsorge betreiben, geraten in Altersarmut.
  • Wir, die wir als Sozialversicherungspflichtige brav selber für unser Alter vorsorgen, werden immer mehr die Grundsicherung der Solo-Selbständigen schultern müssen, die durch ihren seltsamen Freiheitsbegriff oder durch unternehmerisches Versagen in Altersarmut geraten sind.

Endlich und ausgerechnet unter der Leitung einer CDU-Politikerin reagiert das Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) und denkt über eine Sozialversicherungspflicht nach, die nicht an der Grenze zur Selbständigkeit halt macht. Das ist erfreulich! Ein ausformulierter Gesetzesentwurf liegt noch nicht vor. Noch sind nur Eckpunkte bekannt, die aber nicht in Stein gemeißelt sind:

Lesenswert:   Der erste Schritt mit unseren Arbeitgebern auf dem langen, gemeinsamen Weg

Siehe: www.bffs.de/download/Rentenversicherungspflicht-fuer-Selbstaendige.pdf

Zur Information (und zur Entwarnung) eine kurze Zusammenfassung:

  • Von der neuen Rentenversicherungspflicht wäre kein Künstler und schon gar kein Schauspieler betroffen, weil sie entweder als Angestellte oder als KSK-pflichtige oder als nebenberuflich Selbständige oder als Geringverdiener (400 € monatlich) von der geplanten Rentenversicherungspflicht ausgeklammert wären. All diese Personenkreise hätten nichts mit der neuen Rentenversicherungspflicht für Selbständige zu tun.
  • Überhaupt wären neben den Künstlern und Publizisten alle Selbständigen ausgeschlossen, die bereits zu einer Altersvorsorge verpflichtet sind: z. B. Landwirte, Ärzte, Rechtsanwälte, Architekten etc.
  • Um die bisherige Lebensplanung möglichst wenig zu beeinträchtigen, sollen übergangsweise alle über 50-Jährigen nicht einbezogen werden.
  • Auch die über 30-Jährigen sollen im Übergang geschont werden.
  • Die restlichen Selbständigen müssten nach Schätzungen des BMAS für die Alterssicherung monatlich ca. 300 € und für die Erwerbsminderungsabsicherung ca. 100 € zahlen. Aber die Beitragsregelung soll auf die Existenzgründungsphase und die besonderen Einkommensverhältnisse der Selbständigen Rücksicht nehmen.

Kritische und zu hinterfragende Punkte:

  • Anders als z. B. wir Künstler hätten die von der Reform betroffenen Selbständigen die Wahlfreiheit, ihre Rentenversicherungspflicht über eine private oder die gesetzliche Rentenversicherung zu erfüllen. Warum dürfen sich einige Selbständige die Rosinen rauspicken – wir aber nicht?
  • Leider sollen sie ihre Vorsorge alleine tragen. Warum fließen – anders als in der Künstlersozialversicherung und der Sozialversicherung für abhängig Beschäftigte – keine Beiträge von Arbeit- bzw. Auftraggebern oder vom Bund?

Die Petition und die Rolle der Künstler

Mit der absoluten Ablehnung dieser Eckpunkte schüttet die Petition das Kind mit dem Bade aus.

Siehe: www.bffs.de/download/Petition-kommentiert.pdf

Sie schürt Ängste unter den Selbständigen, unterschlägt voller Naivität die Altersarmut gerade unter Solo-Selbständigen und wendet sich grundsätzlich gegen jegliche Versicherungspflicht. Nach dieser kruden Logik wäre auch die Pflicht zur KFZ-Versicherung, wie es in der Petition heißt: „…ein erheblicher Eingriff in die persönliche Lebensgestaltung und wirtschaftliche Freiheit der Bürger“.

Welcher verantwortliche Politiker sollte solche Argumente ernst nehmen? Und warum befasst sich der BFFS mit einer Rentenversicherungspflicht, die uns Künstler nicht beträfe, und reagiert auf eine – gelinde gesagt – undurchdachte Petition?

Lesenswert:   Warum nur 1 Prozent?

Die gute Nachricht: Die Petition und ihre 80.000 Unterstützer werden unser Sozialversicherungssystem und den Schutz, den es für Millionen von Menschen bietet, nicht ins Wanken bringen. Auch wenn unsere Arbeitsministerin mit ihren Plänen zur Rentenversicherungspflicht für Selbständige scheitern würde, müssten die Künstler nicht um ihren sozialen Schutz durch die KSK oder durch die „normale“ Rentenversicherung bangen.

Die schlechte Nachricht: Der Erfolg der Petition ist dennoch ein Rückschlag – auch für uns Künstler.

Gerade wir Schauspieler leiden darunter, dass wir als sozialrechtliche Amphibienfahrzeuge – mal angestellt, mal selbständig – in der Praxis oft im sozialrechtlichen Nirwana landen, weil das Hin und Her zwischen „normaler“ Sozialversicherungspflicht und KSK nicht ganz unkompliziert ist.

Letztendlich wird uns nur eine bruchlose, statusüberschreitende Sozialversicherungspflicht, die für alle Erwerbstätige gelten würde – sowohl für Angestellte wie auch für selbständig Tätige –, wirklich aus der Patsche helfen. Darum fordert der BFFS seit seinem Bestehen als langfristiges Ziel eine Art Erwerbstätigenversicherung für alle, für Angestellte und Selbständige. Insofern kommt uns das Vorhaben von Frau von der Leyen entgegen und ihr Grundgedanke wird von denen im Kulturrat versammelten Künstler- und Kulturverbänden, u. a. dem BFFS, ausdrücklich begrüßt.

Würde dieser Schritt durch eine Petition ausgebremst, an der sich ausgerechnet zahlreiche Künstler beteiligt haben, fragen sich die politisch Verantwortlichen natürlich: Warum sollten wir auf Künstlerverbände hören, deren Mitglieder in der sozialen Frage gespalten sind? Warum sollte ein Staat den Leistungsbezug aus der Arbeitslosenversicherung ausgerechnet für Künstler erleichtern, die der Petition zustimmend dem gleichen Staat generell das Recht absprechen, seine Bürger zu Versicherungen verpflichten zu dürfen? Warum sollte sich der Gesetzgeber für Egozentriker einsetzten?

Die Schauspieler im BFFS leben nicht im Elfenbeinturm, sonst wären sie nicht im BFFS. Der Schauspielerverband bleibt auf Linie und bekennt sich zum Einmaleins von Rechten und Pflichten:

  • Ansprüche können nur erhoben werden, wenn auch Pflichten akzeptiert werden.
  • Natürlich darf eine zivilisierte Gesellschaft niemanden, keinen Angestellten und keinen Selbständigen, der krank, pflegebedürftig, alt, arbeitslos oder arm ist, im Stich lassen.
  • Und genauso natürlich muss eine zivilisierte Gesellschaft alle Bürger – Angestellte wie Selbständige – in die Pflicht nehmen und an den nötigen Versicherungskosten beteiligen.
  • Im Übrigen hat der „mündige“ Selbständige neben der „Eigenverantwortung“, auf die sich die Petition beruft, auch eine soziale Verantwortung. Er ist verpflichtet an seine eigene Vorsorge zu denken und er muss sich auch um seine Mitmenschen kümmern – so wie alle anderen „mündigen“ Bürger auch.

Der BFFS wird einige Eckpunkte des Rentenkonzepts kritisch hinterfragen: Wird durch die vorgesehene Wahlfreiheit die Rentenversicherungspflichtigen in zwei Risikogruppen geteilt? Hier die Privilegierten mit geringen Risikokosten, dort die Armen mit hohen Risikokosten? Und warum stellt man die Rentenversicherung für Selbständige nicht wie die anderen Sozialversicherungen auf zwei Beine? Könnte ein Auftraggeberanteil wie in der KSK die Beiträge der Selbständigen nicht erheblich abmildern?

Lesenswert:   Nach der Pflicht kommt die Kür - Die Petition zum Erhalt der Künstlersozialkasse hat mehr als 50.000 Unterstützer, das Quorum ist erreicht

Trotzdem stellt der BFFS sich hinter den Denkansatz der Arbeitsministerin. Der BFFS fordert die Ministerin auf, sich nicht beirren zu lassen und ihre Pläne zum Wohle aller weiter zu entwickeln.

Und der BFFS appelliert an alle Künstler und Kulturschaffenden, nicht vor lauter Angst und Unkenntnis diese Pläne reflexartig abzulehnen, sondern sich zu informieren und konstruktiv in die Debatte einzubringen!

Für Verantwortung, gegen Egoismus!

Rechtsschutz für BFFS-Mitglieder

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Wordpress Kommentare (7)

7 Antworten zu “Das Einmaleins von Rechten und Pflichten”

  1. lieber bffs bzw. sehr geehrter herr schafmeister,
    jetzt platzt mir aber auch der kragen bei solchen indirekten unterstellungen, man hätte sich mit der thematik nicht richtig auseinanergesetzt bzw. der annahme, jeder mensch sei böse und egoistisch und will den staat ausnutzen… und ich bin froh, dass ich als schauspieler nach wie vor nicht mitglied in dieser sogenannten schauspielergewerkschaft bin. da wird einem ja himmel angst um die 2000 mitglieder…
    um es zusammenzufassen: ihr steht auf der falschen seite. die bfa ist mittlerweile das rentenversicherungsauffangbecken für „alle anderen“. und man muss leider sagen: sie ist annähernd tot und alle ambitionen der regierung zielen darauf hinaus, ein krankes system, noch eine weile am leben zu halten und die kohle zu ziehen, wo sie glauben, dass es noch was zu holen gibt. ich gehe als mitte 30ig jähriger nicht davon aus, von dem laden irgendwann etwas zu bekommen, das was ich jetzt einzahle, und das ist nicht wenig, zahle ich für meine verrenteten eltern ein und muss privat vorsorgen, mindestens nochmal die gleiche summe, ja, das ist die realität meiner generation: weil ich im alter niemandem auf der tasche liegen will, zahle ich doppelt. bisher kann ich es mir dankenswerter weise leisten… zu unterstellen, irgendjemand würde darauf spekulieren, freiwillig im alter unter existensminimum leben wollen und dadurch gern arm ist und dieser ganze blödsinn, ist offen gesagt anmaßend und beleidigend von Euch. ich wiederhole mich: solange nicht jeder arzt, jeder architekt, jeder apotheker, jeder psychologe bzw. psychotherapeut und alle beamten, abgeordneten usw., also alle, die eigene hocheffiziente versorgungswerke haben, dieses bfa-system mittragen, wird es untergehen und nicht mehr haltbar sein. wie gesagt: das was ich jetzt einzahle, zahle ich für meine eltern ein. das ist der generationenvertrag, den irgendjemand mal für uns geschlossen hat. ich kann dani nur zustimmen, auch ich habe in meinem bekanntenkreis selbstständige, die durch das aufbringen dieser summe existentiell bedroht wären. wie auch oben schon beschrieben: wir sprechen von einer mindestsumme, die ein arbeitnehmer als seinen anteil aufbringt, der annähernd 4000 € brutto im monat verdient. von gerechtigkeit kann da keine rede sein. des weiteren sorgen viele selbstständige eben seit jahren schon selber vor und könnten diese doppelbelastung nicht ohne probleme verkraften: weil sie eben verantwortungsvoll fürs alter sparen und die wohnung, in der sie wohnen gekauft haben etc. eigengenutzte immobilienvorsorge negativ zu bewerten, wie geschehen, zeugt wirklich von wenig weitsicht und wenig kenntnis vom system. im übrigen: versilbern kann man gar nix, wenn es schief geht bzw. sollte man auf staatshilfe im alter angewiesen sein. alles geld muss nämlich erstmal aufgebraucht werden, alle immobilien aufgegessen, eh man da irgendwas bekommt. ich möchte den bffs wirklich bitten, auf der richtigen seite zu stehen: kämpft dafür, dass kein berufszweig mehr aus der bfa oder der gesetzlichen krankenversicherung rauskommt und wirklich solidarisch eingezahlt wird. (gkv ist im übrigen genau das gleiche problem: wenige sind gerne in der pkv aber: mindestsummen bfa/ gkv machen bei selbstständigen dann ca. 690 € aus) und bitte: sorgt dafür, dass wir schauspieler auf rechnung arbeiten dürfen und damit wirklich selbstständig, frei und ksk-fähig sein können. zumal sich, wie oben auch schon beschrieben, durch eine freiwillige arbeitslosenversicherung alle Eure probleme zu übergangszeiten gelöst hätten. wenn Ihr das macht und das Eure ziele werden, werde ich mitglied… viele grüße

  2. —–
    „Gibt es eine wirtschaftliche Freiheit, anderen auf der Tasche liegen zu dürfen?“
    —–
    Lieber BFFS, da es hier ja um Armut geht, ist eure rhetorische Frage absolut unterirdisch! Die Armen sollen doch bitte den Anderen ’nicht auf der Tasche liegen‘. Neoliberaler Zeitgeist at its best.

    Ich glaube wir können davon ausgehen, das kaum ein Mensch die Motivation hat, in Zukunft Arm sein zu wollen. Weder Angestellte, noch Selbständige. Ihr wollt doch auch nicht arm sein? Die Selbständigen, die es sich leisten können (weil sie genug verdienen), die sorgen daher überwiegend bereits für ihr Alter vor und zwar auf ganz unterschiedlichen Wegen, vielleicht per Immobilie, die sie während ihrer Schaffenszeit abbezahlen, vielleicht per Aktienfonds, private Versicherungen, oder auf noch anderen Wegen. Eine große Zahl von Selbständigen kann sich von ihren Einkommen allerdings kaum eine Altersvorsorge leisten und wird durch eine Zwangsversicherung mit 400,- € Pauschalabgabe erst recht in die Armut getrieben, weil die Selbständigkeit dann in vielen Fällen nicht mehr aufrecht zu erhalten ist. Sollen die halt wieder als Angestellte arbeiten, weil die ja angeblich zu hauf in die Selbständigkeit ‚gedrängt‘ wurden? Auch alle Angestellen, die derzeit ein Einkommen auf Durchschnittsniveau beziehen, werden in der Altersarmut landen, weil ihre künftige Rente unterhalb des Existenzminimums liegt.

    Wem wollt ihr jetzt unterstellen, Anderen ‚auf der Tasche zu liegen‘? Wieviele von uns Schauspielern liegen denn bitte Anderen ‚auf der Tasche‘, weil wir uns keinen Beruf ausgesucht haben, von dem wir leben können, sondern stattdessen die meiste Zeit ALG2 beziehen müssen und im Alter damit erst Recht arm sind? Sollte es dafür eine ‚wirtschaftliche Freiheit‘ geben? Wie oft müssen sich Schauspieler und andere Künstler diesen Scheiss schon anhören? Die Tür, die ihr mit eurer ‚Argumentation‘ aufstoßt, ist eine ganz, ganz böse!

    • Liebe Dani

      Wenn etwas „neoliberal at its best“ ist, dann ist es diese Petition des Jung-IT-Unternehmers aus Münster. Der redet in seiner Petition davon, dass der Staat „grundsätzlich“ nicht das Recht hätte, seine Bürger zu Versicherungen zu verpflichten. Das ist extrem neoliberal und unsolidarisch!

      Bedenke bitte, die geplante Rentenversicherungspflicht für Selbständige soll nicht für „arme“ Selbständige gelten. Die wären sowieso befreit. Auch Existenzgründer bräuchten am Anfang nicht zu zahlen. Überhaupt soll auf die besondere Situation Selbständiger Rücksicht genommen werden. Also: Niemand soll durch eine starre Pauschalabgabe von 400 Euro in die Armut getrieben werden.

      Du als Künstlerin hast sowieso nichts mit der neuen Rentenversicherungspflicht zu tun.

      Ich gehe mal davon aus, Du bist Schauspielerin. Dann gehörst Du nicht zur Zielgruppe, weil Du bereits rentenversicherungspflichtig bist! Entweder „normal“ als (kurz befristet) Angestellte, weil Du drehst oder Theater spielst etc. Oder über die KSK, weil Du Lesungen machst, eigene Programme spielst etc. Oder Du bist überwiegend angestellt z. B. bei Film, Fernsehen, Theater und machst nebenher (sprich „nebenberuflich“) selbständige Tätigkeiten. DAS SIND ALLES AUSSCHLUSSKRITERIEN!

      Wir SchauspielerInnen und KünstlerInnen liegen niemanden auf der Tasche, weil wir je nach Verdiensthöhe Sozialabgaben zahlen (müssen) und somit für uns UND ANDERE vorsorgen! Ob Gering- oder Besserverdiener, wir leisten bereits unseren Solidarbeitrag. Und ich möchte Dich bitten, liebe Dani, unsere Kolleginnen und Kollegen nicht mit denen in einen Topf zu werfen, die ihrer Solidarpflicht eben nicht nachkommen wollen.

      Lies bitte die Eckpunkte der geplanten Reform. Die geplante Rentenversicherungspflicht greift sich andere als uns: Sie richtet sich an Selbständige, die bisher nicht pflichtig waren (im Gegensatz zu Dir) und auch keine echte Vorsorge betreiben, obwohl sie es sich leisten könnten! Und davon gibt es viel zu viele.

      Immobilien und Aktien allein sind keine echte Vorsorge. Das hat uns die Immobilien- und Finanzkrise gründlich gelehrt. Im Übrigen könnten Häuser und Aktien versilbert werden, dann ist die Vorsorge futsch. Private Versicherungen sollen angerechnet werden, wenn sie unveräußerbar sind.

      Wenn die (potenten) Selbständigen wegen unternehmerischen Fehlleistungen und unterlassener eigener Vorsorge bedürftig werden, musst Du sie mit Deinen Steuern mitfinanzieren. Du, der Du für Deine eigene Vorsorge selber aufkommen musst.

      Und wenn diese Leute diesen Vorgang mit ihrer „wirtschaftlichen Freiheit“ rechtfertigen, bleibe ich dabei: Diese Leute nehmen sich das Recht raus, „anderen auf der Tasche“ liegen zu dürfen! Auch uns SchauspielerInnen und KünstlerInnen!

      Das ist die Krankheit unserer Zeit: Gewinne werden privatisiert – die Verluste sozialisiert.

      Die meisten von uns SchauspielerInnen sind arm (55% verdienen weniger als 20.000 Euro im Jahr) und leisten doch ihren Beitrag in das Solidarsystem. Und ausgerechnet wir sollen Verständnis haben für Leute, die ihre „wirtschaftliche Freiheit“ über alles stellen und sich nicht am Solidarsystem beteiligen wollen? Wir sollen Leuten unter die Arme greifen, die sich umgekehrt weigern, das gleiche für uns zu tun?

      Liebe Dani, ich weiß nicht, wie das für Dich ist, aber für mich hört da der Spaß auf!

      Und deswegen bin ich für eine Erwerbstätigenversicherung, die alle in die Pflicht nimmt – je nach Höhe des Verdienstes. An der konzipierten Rentenversicherungspflicht habe ich noch einige Kritikpunkte, aber es ist der erste Schritt hin zu einer allumfassenden Erwerbstätigenversicherung. Und die wäre ein Segen für alle – und gerade für uns Schauspieler!

      Viele liebe Grüße

      Heinrich Schafmeister

      • Lieber Heinrich,

        weil ich also als Künstlerin von den Plänen angeblich nicht direkt finanziell betroffen bin, kann ich also aufatmen und mir die Panik in meinem engeren Freundeskreis egal sein lassen? Ich kenne einige Selbständige in meinem Freundeskreis, die bei Umsetzung dieser Pläne ihren Beruf direkt aufgeben müssten, darunter auch mein Lebenspartner (dadurch bin ich sehr wohl sehr direkt betroffen!), weil die Geschäfte eben nicht genug abwerfen um der Versicherungspflicht nachkommen zu könne. Ich habe mir die Pläne sehr wohl genau angeschaut, wir haben uns mit anderen Betroffenen mehrmals getroffen und die Situation besprochen, du kannst davon ausgehen, das wir sehr gut informiert sind:
        – Eine Befreiung ist nur für über 50-jährige geplant oder für Einkommen unter 400,- €. Alle anderen Selbständigen, wenn sie von ihrer Selbständigkeit gerade halbwegs leben können, werden in direkter Armut landen.

        – Es stimmt, 400,- € Abgabe ist kein Pauschalbetrag, sondern noch viel schlimmer, der MINDESTbetrag, denn die Beiträge sollen so hoch sein, daß man im Alter nicht auf Hilfe angewiesen ist. Im besten(!) Falle sollen das bei 45 Jahren durchgehender Selbständigkeit dann 400,-€ im Monat sein. In den meisten Fällen wird das aber deutlich mehr sein, wer ist denn von 22 bis 67 durchgehend selbständig und in der Lage 400,- € im Monat abzudrücken, wenn das Gesetz nächsten Jahr in Kraft treten soll? Die Leute die ich kenne sind 35-45 und müssten dann so 700,- im Monat zahlen. Im Alter sind sie damit aber auch nur gerade an der Armutsgrenze. Meinst du ernsthaft, Selbständige die von 1500€ leben, sind ‚potent‘ um das zu stemmen? 1 Million Selbständige leben von nicht mal 1200,- €! Das ist der totale Irrsinn, um im Alter (also in 20-30 Jahren) wegen „unternehmerischer Fehlleistungen“ wie du es nennst, niemanden „auf der Tasche zu liegen“, sollen viele Leute also direkt ihren Beruf aufgeben, von dem sie aktuell über die Runden kommen? Direkt in die Armut?

        Im übrigen können ca. 80%-90% der Schauspieler nicht vom Beruf leben. Deine 50% sind vielleicht KSK-versicherte. Es gibt aber noch sehr viele, die so wenig bzw. so selten verdienen, das sie nicht mal in der KSK sind. Alle Hartz4-Bezieher liegen den Steuerzahlern „auf der Tasche“, nicht nur Selbständige in Altersarmut, sondern vor allem auch Schauspieler und andere Künstler, die nicht von ihrer Arbeit leben können, und das sind viele. Sehr viele. Ich gehöre auch dazu. Soll ich meinen Freunden jetzt also sagen, ich finde es gut, das ihr jetzt 700,-€ im Monat abdrücken müsst, was wahrscheinlich eure Existenz zerstört, aber ihr liegt mir auf der Tasche. Ich finde keinen Ausdruck für diese Absurdität. Das ist vollkommen Realitätsfern, ich sehe überhaupt nicht, was du mir für mich daran als positiv verkaufen willst.

  3. na das ist ja ein schlechter artikel: es hat doch keiner etwas gegen eine rentenversicherungspflicht für selbstständige, aber nicht einkommensunabhängig, so wie angedacht. darin liegt doch die ungerechtigkeit dieses plans. 400 € zahlt ein angestellter als arbeitnehmeranteil in die bfa ein, wenn er knapp 4000 € brutto verdient, das ist am anfang einer selbstständigkeit selten zu schaffen. eine zweite ungerechtigkeit liegt doch gerade darin, dass einkommensstarke, gesunde selbständige wie ärzte, apotheker usw. ihre eigenen versorgungswerke haben und sich aus der bfa rausgezogen haben. wenn solidarität, dann richtig und alle in einen topf. im übrigen finde ich, sollte der bffs dafür kämpfen, dass schauspieler auf honorar arbeiten können. freiheit würde entstehen und es hätte sich dieses ganze arbeitslosenversicherungsproblem gelöst. schauspieler könnten selbstständig sein, kämen in die ksk, würden einkommensabhängig renten- und krankenversicherung zahlen und könnten freiwillig in arbeitslosenversicherung einzahlen um für schlechte zeiten gesichert zu sein. es ist doch lächerlich, zu behaupten, ein schauspieler sei weisungsgebunden. dann wäre es doch ein kameramann oder regisseur auch. das funktioniert doch eh alles nur im team und gemeinsam. warum setzt der bffs nicht dafür ein?

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