Programmrevolution statt Semmelrevolte

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Endlich ein Beitrag zum Wahnsinn der Gebührensenkungsdebatte, der die Dinge beim Namen nennt!

Die darin angesprochene Kommunikationskatastrophe besteht – aus unserer Sicht – hauptsächlich darin, dass in vorauseilendem Gehorsam Gebührensenkungen versprochen wurden, ohne die Tatsache der skandalösen Unterfinanzierung der Programme zur Kenntnis zu nehmen. Reden wir gegen eine Wand? Sprechen wir Chinesisch? Sind die Zusammenhänge zu komplex für einfache, politische Slogans? Ist der Verstand der Beteiligten vernebelt für die offensichtlichen Zusammenhänge?

Warum ermittelt die Gebührenkommission KEF nicht endlich einen der Realität entsprechenden Finanzbedarf, der die Inflationsrate, die Pensionszusagen, die bereits jahrelang andauernde Unterfinanzierung und die Ausweitung der Senderfamilien und Internetangebote bei ARD und ZDF adäquat berücksichtigt?

Also noch mal im Klartext zum Mitschreiben der Zusammenhang zwischen angemessener Finanzierung des Programms und geistiger Gesundheit aus der Sicht fiktionaler Programmmacher in einfachen Sätzen:

1. Die fiktionalen Programme sind unterfinanziert.

2. Das führt zu verkürzten Vorbereitungszeiten, Drehzeiträumen und zu langen Drehtagen.

3. Deshalb arbeiten die nicht fest angestellten Film- und Fernsehschaffenden unter Arbeits-Bedingungen, die teilweise illegal sind. Zur Erinnerung: Mehr als 13 Stunden am Drehort sind gegen das Gesetz. Und bereits nach 8 Stunden am Set entsprechen Schauspielerinnen und Schauspieler in visueller Hinsicht in der Regel nicht mehr HD-Standards, um es vornehm auszudrücken.

4. Darunter leidet die Qualität.

5. Wären die fiktionalen Programme nicht unterfinanziert, könnten wir besseres fiktionales Programm herstellen.

6. Mit besserem fiktionalen Programm würden wieder mehr Menschen fernsehen, besonders junge.

7. Dadurch würde die Akzeptanz der Rundfunkgebühr steigen.

8. Dann müsste man nicht mehr in der Zeitung lesen müssen, dass eine

Gebührensenkung vom Gegenwert einer Vollkornsemmel im Monat ein revolutionärer Befreiungsschlag ist.

9. Dadurch würde der Intellekt nicht mehr so beleidigt.

10. Und endlich könnten wir uns wieder mit wirklich wichtigen Dingen beschäftigen.

Man kann es auch so formulieren, wie die Autorin (Claudia Tieschky) des Artikels aus der Süddeutschen Zeitung: „Warum nicht den Sendern die Semmelcents lassen – mit der Auflage, sie nur für neue und richtig gute Programme einzusetzen? Für Serien, von denen man spricht. Für Fernsehspiele, in denen die Welt so waschmittelfrei gezeigt werden darf, wie sie ist?“ Man müsste vielleicht noch hinzufügen: „Für die bestehenden, guten Programme (denn die gibt es ja durchaus), damit sie unter akzeptablen Bedingungen hergestellt und noch besser werden können.“

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Ja, warum nicht? – Weil diejenigen Menschen die Debatte führen, die sich nicht vorstellen können, dass besseres Fernsehen möglich ist. Oder denen es egal ist. Oder die aufgegeben haben. Weil diejenigen das Wort führen, deren Verstand darauf ausgerichtet ist, was alles nicht geht, statt auf das, was möglich wäre, wenn man die Visionäre machen ließe. Weil wir eine Neiddebatte, statt einer Qualitätsdebatte haben. Weil alle Kapazitäten darauf ausgerichtet sind, das Bestehende zu verwalten und Sparvorgaben zu erfüllen, statt auf die Analyse der Wirklichkeit und das Erfinden von Geschichten, die diese verständlich machen.

Wie wäre es mit einer echten Programmrevolution, statt einer Semmelrevolte? Naiv? Vielleicht, aber Träume sind schließlich unser Geschäft.

Über Hans-Werner Meyer

Hans-Werner Meyer wuchs in Norderstedt auf, einer großen Kleinstadt vor den Toren Hamburg. Und wenn es stimmt, dass jeder Künstlerexistenz ein Trauma zugrundeliegt, dann ist es hier zu suchen. Der Sohn eines Landschaftsarchitekten und einer Fremdsprachenkorrespondentin sah überall Grenzen: Jägerzäune um Grundstücke und in Köpfen und wählte zunächst den naheliegensten Weg, dagegen zu rebellieren, indem er sich mit den Halbstarken der Gegend herumtrieb.

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