Brauchen wir Kulturförderung?

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Der SPD-Bundestagsabgeordnete Wolfgang Thierse hat im „Vorwärts“ eine Debatte zu diesem Thema angestoßen. Dieses ist mein Beitrag dazu:

Ein Leben ohne Kultur oder vom Nutzen der Kunst
Und wenn wir keine Kultur hätten? Wenn wir uns nie einem Kunstwerk aussetzten und nie erlebten, was es mit uns macht? Dann wäre all unser Handeln nur noch einem bestimmten Zweck untergeordnet und Gewinnstreben würde uns leiten statt Horizont-Erweiterung.

Mein Vater war ein höflicher Mensch. Und er trug immer einen Hut. Wenn er morgens mit dem Bus zur Arbeit fuhr, lüftete er diesen und wünschte den Fahrgästen einen guten Morgen. Das war streng genommen eine überflüssige kulturelle Leistung, weil so gut wie niemand zurückgrüßte. Der eine oder andere murmelte vielleicht ein schmallippiges „Moin“, aber der Großteil der Mitfahrer dürfte eher peinlich berührt gewesen sein, es vermutlich gar als Zumutung empfunden haben. Meinen Vater hat das nie angefochten. Er grüßte weiter und blieb ein heiterer, gut gelaunter Mensch, bis zu seinem Tod.

Kultur als Zumutung und Impuls
Auch im Zusammenhang mit dem Begriff Kultur ist ja oft von Zumutung die Rede. Diese Zumutung besteht dann darin, dass man sich einem Impuls von außen gegenüber verhalten muss, der einem vielleicht so fremd ist wie der fremde, seltsam grüßende Mann mit Hut. Bequem aber fatal ist die der Zumutung gegenüber immer weiter um sich greifende, intellektuellenfeindliche Haltung: Kenn ich nicht, interessiert mich nicht, nervt – und kostet auch noch Geld? Ohne mich!

Dass diese Haltung inzwischen salonfähig ist, dass es gar als schick und cool empfunden werden kann, sich mit kultureller Ignoranz zu brüsten, beweist allerdings nur die sinkende Bereitschaft, sich fremden Impulsen gegenüber zu öffnen. Inzwischen werden Kulturschaffende mit moralischer Entrüstung und Häme überzogen, die sich exzentrisch verhalten, was in kulturfreundlicheren Tagen als Ausdruck ihres Künstlertums verstanden wurde. Den Kulturschaffenden selbst aber muss man sich – genau wie den morgendlichen Grüßer – als einen glücklichen Menschen vorstellen. Gruß und Kultur kommen gewissermaßen aus vollem Herzen und sind Ausdruck von Lebensenergie.

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Wolfgang Thierses Plädoyer für eine Rückbesinnung auf kulturelle Werte ist natürlich in jeder Hinsicht begrüßenswert und seine Analyse des Stellenwertes, den Kultur in diesem Land einnimmt, scharf und umfassend. Aber ich werde das Gefühl nicht los, dass diesem Plädoyer eine gewisse Unsicherheit bezüglich des tatsächlichen Wertes von Kultur zugrunde liegt, der durch vermeintliche ökonomische Zwänge atomisiert werden könnte, was, so die Befürchtung, einem immer größer werdenden Teil der Bevölkerung dann schlicht egal wäre. Nach dem Motto: Wozu Kultur? Für meine Abendunterhaltung sorgt das Internet! Umsonst! Und ich kann abschalten, wann es mir passt!

Kultur schafft Freiräume
Um aber den Wert zu verstehen, den die Kultur hat, und zwar unabhängig davon, ob er erkannt und geschätzt wird oder nicht, ist es hilfreich, sich vorzustellen wie unser Leben ohne Kultur aussähe. Verstehen wir Kultur als Freiraum, der entsteht, wenn man sich – frei von Zwecken und Interessen – den Sinnfragen überlässt, die uns alle beschäftigen, ob wir uns ihnen nun öffnen oder nicht. Wie also sähe ein Leben ohne diesen Freiraum aus? Jeder Ausdruck wäre einem Zweck oder einem Interesse untergeordnet.

Es wäre ein Leben, wie es die Vertreter der sogenannten Spieltheorie seit Jahren propagieren, die davon ausgehen, dass jeder Mensch zu jeder Zeit rational und seinen Interessen entsprechend handelt und somit berechenbar wäre, kennte man nur alle seine Interessen im Detail. (Dass ein Zusammenhang besteht zwischen der Spieltheorie und der Datensammelwut, hat Frank Schirrmacher in seinem Buch „Ego“ anschaulich beschrieben.)

Wollen wir hinter jedem Witz eine finstere Absicht wittern?
Der kürzeste Ausdruck von Kultur ist der Witz. Sein Sinn besteht darin, das Gegenüber zu überraschen und zum Lachen zu bringen. Bei einem guten Witz klafft unter der Pointe der Abgrund des Lebens, in den man kurz blickt und dadurch vielleicht eine etwas freundschaftlichere Beziehung zum Tod gewinnt, dem wir ja nun mal nicht ausweichen können. Welchen Zweck hat das? Vertreter der Spieltheorie würden vermutlich behaupten, der Zweck bestünde darin, das Gegenüber in falscher Sicherheit zu wiegen, um es von den eigenen Interessen abzulenken und diese umso besser durchsetzen zu können.

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Aber wollen wir so leben? Wollen wir wirklich das Leben als ein Monopoly-Spiel begreifen und es damit verschwenden, hinter jedem Witz eine finstere Absicht zu wittern, uns bei jedem Theaterbesuch über die menschlichen Schwächen des Intendanten XY zu ärgern, und bei jedem Kunstwerk an die exzessiven Auswüchse des Kunstmarktes zu denken, statt über den Witz zu lachen, uns vom Theaterstück anregen und dem Kunstwerk erschüttern zu lassen, uns also den Impulsen auszusetzen, und der Kontemplation hinzugeben, die uns länger bleibt als die Befriedigung über einen Sieg?

Kultur ist mehr als finanzieller Erfolg
Wollen wir die inspirierende Zumutung der Kultur wirklich dem reinen Mainstream opfern, dem es gelingt, kulturellen Ausdruck mit Gewinnmaximierung zu verbinden und deswegen keine Förderung nötig hat? Nichts gegen den Mainstream, der kann uns auch mit den Sinnfragen konfrontieren. Aber wenn es außer kommerziell erfolgreichen Filmen, Musicals und Popmusik nichts mehr gibt, mit dem sich der gierige Geist, die hungrige Seele beschäftigen können, was für ein Leben wäre das? Geist und Seele suchten sich ihre Herausforderungen dann woanders, wo es unter Umständen weniger friedlich zugeht.

Wer den Wert unserer Kulturförderung verstehen möchte, der vergleiche den derzeit zu Recht hochgelobten Film „Birdman“ mit dem ebenfalls hochgelobten, wenn auch zu Unrecht ungleich erfolgloseren deutschen Film „Ein Geschenk der Götter“ hinsichtlich des Konzepts von Theater, das dort gezeigt wird. In beiden Filmen spielt das Theater gewissermaßen die Hauptrolle, genauer: Die Sehnsucht der Schauspieler nach dieser kulturelle Ausdrucksform, die selbst dem größten Weltstar ein Stachel im künstlerischen Fleisch bleibt, wenn er sich nie darin beweisen konnte.

Subventionen bedeuten Freiheit und Neuheit
In dem Film „Birdman“ versucht ein alternder Superheld-Darsteller genau das nachzuholen. In „Ein Geschenk der Götter“ wird einer Schauspielerin in einem deutschen (subventionierten) Provinztheater gekündigt und sie beginnt mit anderen Arbeitslosen Sophokles’ „Antigone“ zu proben. In beiden Filmen sieht man Ausschnitte eines Theaterstücks. In „Birdman“ ist es ein naturalistisches Stück, wie es am Broadway tatsächlich Erfolg haben könnte, dem man seine Absicht, einem Star als Selbstverwirklichungsvehikel zu dienen, aber deutlich ansieht. In „Ein Geschenk der Götter“ ist es eine Neuinterpretation auf der Provinzbühne, das unter dem Begriff „Regietheater“ firmieren dürfte.

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Und dann frage man sich, welches Stück man in Gänze lieber sehen würde. Für mich war es eindeutig die Aufführung an dem deutschen Provinztheater. Denn es versteht, den durch Subventionen verliehenen Freiraum auf eine Weise zu nutzen, die mich tiefer bewegt als das verzweifelt um Erfolg bettelnde Broadway-Stück, das seinen Gewinnmaximierungs-Zweck nicht verstecken kann, so dick die Schminke der Kunst auch sein mag.

Die Kulturnation Deutschland lebt von vielen kleinen Projekten
Ich kann mich selbstverständlich irren, es war ja nur ein kleiner Ausschnitt. Aber selbst wenn viele Inszenierungen an Stadt- und Staatstheatern misslingen oder langweilen mögen, selbst wenn das Interesse des Publikums klein bleiben, selbst wenn die Zahl der Zuschauer in ökonomischer Hinsicht ein schlechter Witz sein mag: Es sind die vielen kleinen Impulse, die in jenem Freiraum entstehen, den Kulturförderung möglich macht, die den einen großen Impuls erst möglich machen, welcher den Ruf der „Kulturnation“ rechtfertigt, der nach wie vor als einer der großen Standortvorteile dieses Landes gilt.

Ha!, rufen jetzt die Agenten der Spieltheorie, die Katze ist aus dem Sack! Kultur als Standortvorteil! Also besteht der wahre Wert der Kultur doch in dem Zweck der Gewinnmaximierung! Tja, hätte an dieser Stelle vermutlich mein Vater gesagt, warum nicht das Nützliche mit dem Angenehmen verbinden?

Was denkt Ihr?

Über Hans-Werner Meyer

Hans-Werner Meyer wuchs in Norderstedt auf, einer großen Kleinstadt vor den Toren Hamburg. Und wenn es stimmt, dass jeder Künstlerexistenz ein Trauma zugrundeliegt, dann ist es hier zu suchen. Der Sohn eines Landschaftsarchitekten und einer Fremdsprachenkorrespondentin sah überall Grenzen: Jägerzäune um Grundstücke und in Köpfen und wählte zunächst den naheliegensten Weg, dagegen zu rebellieren, indem er sich mit den Halbstarken der Gegend herumtrieb.

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