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Rumpelstilzchen gegen Goliath – auf welcher Seite stehen wir?

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Was hat der Bahnstreik mit uns zu tun?

Nun soll wohl geschlichtet werden. Aber wird bei der Bahn das ewige Streiken aufhören? Wie auch immer, wir sind genervt. Als „fahrendes Schauspielvolk“ sind wir mehr als andere von der Bahn abhängig. Und dort herrscht seit langer Zeit zwischen allen Streithähnen – Bahnvorstand, Eisenbahnergewerkschaft (EVG) und Lockgewerkschaft (GDL) – völlige Entgleisung. Besonders GDL-Chef, Claus Weselsky, Germanys next Rumpelstilzchen, scheint sich aufzuführen, als gäb’s kein Morgen.

Apropos „Morgen“. Am 1. Juni, quasi im Windschatten des Bahnstreikgetöses, wird die Große Koalition im Bundestag das Tarifeinheitsgesetz verabschieden, das am 1. Juli in Kraft treten wird. Über seine verheerenden Auswirkungen für uns haben wir schon ausführlich an anderer Stelle geschrieben. Auf einen Nenner gebracht verfolgt das Gesetz das Ziel, Berufsgewerkschaften wie GDL, Cockpit, UFO, Marburger Bund bis hin zum BFFS zu verdrängen, ja – das wird zwar so offen nicht gern zugegeben – sie zu vernichten.

Die Lockführer kämpfen in Wahrheit nicht für irgendwelche Prozente, sie streiken um die Existenz ihrer Gewerkschaft, um ihr Recht streiken zu dürfen. Mag Herr Weselsky im verzweifelten Überlebenskampf wie Rumpelstilzchen rüberkommen, er und seine Lockführer sind in der Rolle David gegen Goliath. Und Goliath bedroht letztlich auch das Existenzrecht der anderen Berufsgewerkschaften – auch das unserer noch jungen Schauspielgewerkschaft.

Wer ist Goliath? Eine ganz, ganz große Koalition.

Da ist zunächst der Bund, dem die Bahn zu 100% gehört. Früher lag es im staatlichen Interesse, dass Schule, Polizei, Stromversorger, Bahn etc. immer funktionieren, weil sie als Einrichtungen erachtet wurden, die für das menschliche Dasein notwendig sind. Die Mitarbeiter dieser Grundversorgungseinrichtungen waren beamtet und durften nicht streiken. Im Zuge des neoliberalen Zeitgeistes machte sich der Staat einen schlanken Fuß, privatisierte – u. a. auch die Bahn. Aber damit die exbeamteten Lockführer nicht streiken und die Grundversorgung, mit der Bahn zu reisen, lahm legen können, beschließt der Eigentümer der Bahn einfach ein speziell gegen die Lockführergewerkschaft gemünztes Gesetz. Dass neben GDL auch andere Berufsgewerkschaften geopfert werden, ist nicht die erklärte Absicht der Bundesregierung, nimmt sie aber augenzwinkernd in Kauf.

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Der Bund der Arbeitgeber (BDA) ist natürlich auch für das Tarifeinheitsgesetz, schlicht, weil es die Gewerkschaften insgesamt schwächen wird. Während die Arbeitgeber ihre Unternehmen in Betriebe gliedern und zuschneiden dürfen, wie es ihnen beliebt, also teilen und herrschen können, werden Gewerkschaften aufeinander gehetzt. Denn sie werden nur noch Macht haben, wenn sie in den Betrieben die Mehrheit stellen. Statt sich mit dem Tarifgegner zu beschäftigen, werden die Gewerkschaften untereinander heftig um die Mehrheit in den Betrieben ringen. Dabei werden am Ende viele Gewerkschaften und Flächentarifverträge auf der Strecke bleiben.

Die Rolle des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) ist zwiespältig. Die mächtigen DGB-Mitglieder IG Metall, IG BCE und natürlich EVG möchten lieber heute als Morgen die lästige Konkurrenz der Berufsgewerkschaften per Dekret loswerden. Der DGB-Vorsitzende, Reiner Hoffmann, plädiert entsprechend für das Tarifeinheitsgesetz. Die DGB-Mitglieder ver.di, GEW, NGG sind mit Berufsgewerkschaften nicht gerade auf Schmusekurs, aber immerhin so schlau zu erkennen, dass die gesetzlich verordnete Tarifeinheit letztlich alle Gewerkschaften, also auch die Industrie-, bzw. Branchengewerkschaften schwächen wird.

Die mächtige PR-Maschine dieser großen Koalition von Regierung, BDA und DGB tut alles Erdenkliche, das ganze Publikum gegen Weselsky mit seiner GDL aufzubringen und ihn wie Rumpelstilzchen dastehen zu lassen. Die Masche scheint leider aufzugehen.

Es ist die gleiche Masche, mit der andere so tun, als würden Schauspielerinnen und Schauspieler nur über rote Teppiche latschen, Champagner saufen und sich eine goldene Nase verdienen…

Wir wissen, die Wirklichkeit sieht völlig anders aus und wir haben unsere Berufsgewerkschaft, den BFFS, gegründet, um unseren wunderschönen Beruf auszuüben und trotzdem in erträglichen sozialen und wirtschaftlichen Verhältnissen leben zu können. Dazu müssen wir vor allem gewerkschaftlich kämpfen. Das Tarifeinheitsgesetz wird uns – wenn es nicht vom Verfassungsgericht gestoppt wird – dabei kräftig behindern.

Unsere Bitte an alle Schauspielerinnen und Schauspieler lautet daher: Bevor wir uns vor lauter Bahn-Frust hinreißen lassen, in den Chor der GDL-Basher einzustimmen, sollten wir uns fragen: Auf welcher Seite stehen wir? Halten wir zu Goliath, der auch uns verbieten will, für unsere tariflichen Interessen einzutreten, oder halten wir dann doch lieber zu Rumpelstilzchen?

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