Ein Satz zu viel oder: Ein Schauspieler ist keine Tütensuppe

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Ein Gastbeitrag von Clemens Erbach – filmmakers.de, outcast

Köln, Juni 2015
auf Basis eines Vortrags beim BFFS-Stammtisch in Köln und Berlin 2015

Das Verhältnis und die Kommunikation zwischen Schauspielern und Castern ist sicherlich nicht frei von Tücken. Es gibt da zwei Umstände – Timing & Subtext, betrachtet in einem neuen Kontext – die auch mir über viele Jahre als Castingdirector entgangen sind. Ich bin überzeugt, dass das Verhältnis mit einfachen Mitteln entspannt und auf eine angstfreie Kommunikationsebene gehoben werden kann. Genau zu diesem Thema berichtete ich jüngst auf den Stammtischen des BFFS in Köln und Berlin. Titel der Abende war: „Die Schwierigkeiten von Subtext und Timing der Markenkommunikation – Chancen für ein angstfreies und entspanntes Verhältnis im Castingprozess.“

Täglich bekommen Caster, Producer, Regisseure viele, viele E-Mails mit wohlgemeinten Hinweisen auf den, eben jene E-Mail sendenden, Schauspieler. Und es ist auch völlig richtig diese E-Mails zu senden/zu bekommen, denn jeder Schauspieler ist schließlich selbständiger Unternehmer seiner Einzelunternehmung, seines eigenen Dienstleistungsangebots. Und natürlich muss dieses Unternehmen Marketing für sich machen, Markenkommunikation betreiben. Das steht völlig außer Frage.

Häufig ist dieses Marketing jedoch begleitet von zwei Schwächen. Und zwar genau, oben hatte ich es schon erwähnt, in Bereichen, die jeder Schauspieler normalerweise und selbstverständlich als eine Stärke für sich reklamieren würde: Timing & Subtext. Bevor ich indes auf Details eingehe, möchte ich mit Euch den Versuch unternehmen, mal in andere Bereiche zu schauen. Auch andere Unternehmen müssen Markenkommunikation betreiben, in unserem täglichen Umfeld nehmen wir das als sogenannte Werbung wahr. Wenn Werbung gut ist, dann nehmen wir sie wahlweise

  • als Marke wahr
  • sympathisch wahr
  • informativ wahr

In jedem Fall wird Werbung immer eines versuchen: Das kommunizierte Produkt soll beim geneigten Empfänger ein positives Gefühl auslösen, er soll sich zur Marke hingezogen fühlen und sich damit identifizieren können. Der Beworbene soll im zweiten Schritt beim nächsten Kauf vor der Auswahl der angebotenen Produkte stehen und sich im Idealfall an das beworbene Produkt mit dem (unbewusst) guten Gefühl erinnern. Das Produkt muss sympathisch, informativ und positiv beim Kunden verankert sein.

Ein Schauspieler ist keine Tütensuppe

Was hat das jetzt alles mit uns zu tun?

Vorab sei gesagt: Ein Schauspieler ist keine Tütensuppe!

Aber der Marketingvergleich ist wichtig, denn genau das (Kauf-) Ziel möchte auch der Schauspieler mit seiner Kommunikation erzielen. Zum einen soll der Empfänger den Schauspieler wahrnehmen in seiner Einzigartigkeit, zum anderen soll sie Informationen über den Schauspieler vermitteln – und zwar alles mit einem Ziel: besetzt zu werden, eine Rolle zu bekommen.

Firmen entwickeln mit viel Aufwand Logos, um unverwechselbar und vor allem widererkennbar zu werden. Das „Unternehmen Schauspieler“ braucht gar kein Logo zu entwickeln, denn es hat bereits das beste Logo der Welt: ein Gesicht. Und genau dieses Gesicht muss natürlich auch kommuniziert werden. Langfristig sollte ja das Ziel sein, dass der Empfänger irgendwann das Bild mit einem Namen assoziiert und auch andersrum, wenn er den Namen liest auch ein Gesicht vor Augen hat. Dann wäre ein großer Schritt zum Aufbau der ‚Marke Schauspieler’ erreicht.

Häufig wird jedoch fälschlich das Video/Showreel in das Zentrum der Kommunikation gerückt. Aber: Ist ein Schauspieler nicht sehr viel mehr als nur ein Videoclip? In der Wahrnehmung sollte er daher doch immer „ein Ganzes“ sein. Die Rezeption – und vor allem die Memorierung – eines Schauspielers durch einen Caster funktioniert immer dann besser, wenn Name und Bild eine Einheit bilden, Showreel und CV kommen somit ergänzend hinzu.

Nun muss man wissen, dass alle Caster bei der täglichen Suche und Besetzungsarbeit sehr viel mehr mit Datenbanken als z. B. mit Homepages arbeiten, fast alle mit filmmakers.de. Im Sinne dieser o. g. Memorierbarkeit ist es natürlich sinnvoll, auch genau das Foto in der E-Mail-Kommunikation zu verwenden, das in der Profil-Präsentation dort an erster Stelle steht. Und ein Profil-Link in der E-Mail kann das Bild gleich abrunden. Darüber hinaus erfahre ich trotzdem täglich, dass die Kommunikation, also das Marketing von vielen Schauspielern gut gemeint ist, jedoch häufig mit dem falschen Timing und dem falschen Subtext geführt wird.

Vertraue dem Subtext

Liebe Schauspieler: vertraut doch bitte einfach der Macht des Subtextes!

Jeder Beziehung zwischen Schauspielern und Castern (u. a.) wohnt immer der Subtext des Besetzt-werden-Wollens inne. Täglich bekommen wir die gleichen Stereotypen der Kommunikation zu lesen, sie lauten dann austauschbar: „…Wenn Sie an mich denken würden…“, „…für Ihre nächsten Besetzungen…“, „…ich habe Lust zu spielen…“, „…wenn Sie eine Rolle für mich finden…“, „…möchte gerne mit Ihnen zusammenarbeiten…“, „…freue mich auf tolle Rollen, bitte melden Sie sich bei mir…“

DAS ist doch klar! Logo! Dieser Subtext steht dick und fett über allem, da muss man doch nicht mit dem Zaunpfahl wedeln. Das muss man nicht mehr schreiben. Und darüber hinaus belastet es das Verhältnis. Dieser Satz baut ein Ungleichgewicht der Kommunikationspartner auf. Er hat zur Folge, dass sich beide Parteien unwohl fühlen können. Denn der Schauspieler macht sich ohne Not klein und begibt sich in eine Bittsteller-Position. Dem Empfänger hingegen macht es Stress, denn er wird mit einer explizit ausgesprochenen Erwartungshaltung konfrontiert. Eine Erwartungshaltung, der er jedoch in diesem Moment zu 99% noch nicht einmal entsprechen könnte.

Bitte, liebe Schauspieler, wir freuen uns auf Eure charmante Kommunikation, wir freuen uns Eure interessanten Infos zu bekommen. Meine Empfehlung aber ist, diesen einen Satz (in all seinen Abwandlungen) mit der konkreten Bitte um Rollen, für immer zu streichen.

Blicken wir nochmals zurück auf die klassische Produktwerbung: Habt Ihr jemals eine Werbung gesehen, die in ihrer Kommunikation schrieb: „Es wäre schön, wenn Sie mich jetzt kaufen würden?“ Nein, denn das würde nicht als positiv empfunden werden. Kein Werbetexter würde das jemals schreiben. Um das Positive soll es eigentlich doch gehen. Wie also könnte die Kommunikation, und somit auch die Wahrnehmung des Schauspielers, positiver erfolgen?

Vor allem sollte sie auf Augenhöhe und angstfrei stattfinden. Ist es nicht viel einfacher, wenn nicht eine Erwartung kommuniziert, sondern vielmehr dem Empfänger etwas gegeben wird?

Ein neues Bild, eine neue Adresse oder einfach nur ein lieber Sommergruß. Es ist für den Sendenden doch viel einfacher und entspannter etwas zu geben als eine Erwartung zu formulieren. Und umgekehrt bekommt der Empfänger lieber eine charmante (Info-) Gabe, als ein Ansinnen.

Trotzdem ist die E-Mail das beste Kommunikationsmittel im Schauspieler-Marketing, denn sie setzt den Empfänger nicht unter Druck und lässt ihm sein eigenes Zeitmanagement. Macht auch Ihr Euch bitte keinen Stress und erwartet nicht auf jede E-Mail auch eine Antwort. Keine Antwort zu bekommen hat überhaupt nichts persönliches zu bedeuten, sondern vielleicht einfach nur, dass der Caster gerade keine Zeit hat. Nichtsdestoweniger ist es sogar hilfreich eine Beziehungsebene zum Empfänger aufbauen. Das fängt schon mit der Personalisierung der E-Mail an, sprecht den Empfänger mit Namen an. Unpersönliche Massen-E-Mails (z.B. „Liebe Castingdirectors…“) werden deutlich weniger wahrgenommen und gelesen.

Vielleicht gibt es sogar Möglichkeiten eine vorausgegangene Kommunikation wieder aufzugreifen.

Gutes Timing

Noch ein Wort zum Timing der Kommunikation: Castingdirectors lieben übrigens Schauspieler, schließlich sind Sie es, mit deren Hilfe und Persönlichkeit die Filme zum Leben erweckt werden. Und Caster freuen sich über jede Zusage, denn mit jeder besetzten Rolle hat eine Wunschbesetzung des Casters geklappt und er hat einen Arbeitsvorgang weniger auf dem Tisch.

Gerade diesen Umstand einer Besetzung kann der Schauspieler ganz wunderbar nutzen. Denn das ist genau der Zeitpunkt, an dem sich Schauspieler und Caster gleichzeitig freuen. Das ist der perfekte Moment zu kommunizieren und liebe Grüße vom Set zu schicken oder einfach ein „Danke, dass es geklappt hat.“

Man kann übrigens auch einem Caster/Regisseur/Producer ohne Scheu auch ein Lob schicken, wenn Euch etwas besonders gut gefallen hat (auch wenn Du vielleicht gar nicht daran beteiligt warst) – aber natürlich nur wenn es aufrichtig ist. Jeder Mensch freut sich über ein ehrliches Kompliment. Ihr doch auch, oder? Das sind die besten Momente, um Kommunikation aufzunehmen, die dann auf einen aufnahmebereiten Boden trifft und die Wahrnehmung positiv ausfällt.

Und wenn darüber hinaus die Kommunikation es auch noch schafft gelesen zu werden und dem Empfänger für einen Moment ein Lächeln ins Gesicht zaubert: BINGO! Dann ist das Ziel der positiven Wahrnehmung der schauspielerischen Markenkommunikation perfekt erreicht.

Viel zu häufig wird dieser Kommunikationsschritt von Feedback, Dank oder Gruß einfach ausgelassen. Beispielhaft sei eine E-Mail von letzter Woche erwähnt. Kein Feedback, kein Gruß, aber 6 Monate nach einer Besetzung kam uncharmant die Frage: „…habe so lange nichts von Euch gehört, wäre schön, wenn Ihr mal wieder eine Rolle für mich hättet!“

Wir wissen, dass Ihr spielen wollt. Logo.

Vertraut auf die Macht des Subtextes!

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Siehe auch

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