Frauen im deutschen Fernsehen – Faktencheck Teil I: Vergütung

unter juristischer Mitarbeit von Rechtsanwältin Lina Zahn

In regelmäßigen Abständen berichten die Medien über das Missverhältnis der Vergütung zwischen Frauen und Männern. Der BFFS hat sich in den vergangenen Wochen dafür eingesetzt, Zahlen über die Beschäftigung und die Vergütung von Schauspielerinnen im Verhältnis zu ihren männlichen Kollegen zu sammeln. Im heutigen Magazin fassen wir die ersten Ergebnisse dieser Recherchen für Euch zusammen.

I) Erste Daten für den Bereich Schauspiel

Die GVL (Gesellschaft zur Verwertung von Leistungsschutzrechten) hat dem BFFS freundlicherweise (anonymisiertes) Zahlenmaterial über die Gesamtausschüttungen aus den vergangenen Jahren für den Bereich Fernsehen/TV zur Verfügung zu gestellt. Diese Zahlen sind für den BFFS deshalb von besonderer Bedeutung, weil der Bereich Schauspiel in den bisherigen Datenerhebungen nicht erfasst wird.

Wie in dem Bericht über die Vorstellung der Studie „Frauen in Kultur und Medien“ in diesem Magazin zu lesen ist, beinhaltet die neu veröffentlichte Studie des Deutschen Kulturrates „Frauen in Kultur und Medien“ keine konkreten Zahlen zu Schauspielerinnen. Die Ausführungen zum Bereich Film und Fernsehen behandeln Themen wie Führungspositionen und Fördermittelvergabe.

Dass Beschäftigungen vor der Kamera bislang nicht stärker in den Fokus gerückt wurden, ist aus mehreren Gründen erstaunlich.

Zunächst ist die Arbeit als Schauspielerin ihrer Art nach für Frauen in gleicher Weise zugänglich wie für Männer. So sehen sich Schauspielerinnen und Schauspieler angesichts eines 13-stündigen Drehtages ähnlichen körperlichen Herausforderungen gegenüber. Weiterhin basieren fiktionale Fernsehproduktionen auf Geschehnissen unserer Realität. In unserer heutigen Realität begegnen wir im Laufe eines Tages mindestens ebenso vielen Frauen wie Männern. Und schließlich hat Deutschland im europäischen Vergleich neben Großbritannien eine der umsatzstärksten TV–Industrien. Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PwC (PricewaterhouseCoopers) erwartet für die deutsche Fernsehbranche im Jahr 2016 Umsätze von über 15,5 Milliarden Euro mit steigender Tendenz für die kommenden Jahre. Bei den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten machen die Sendeformate Fernsehspiel/Spielfilme/Fiction je nach Sender einen Anteil zwischen 10 – 30 % aus (Quelle: Statistisches Bundesamt, Statistisches Jahrbuch 2015, S. 208). Schauspielerinnen und Schauspieler leisten einen grundlegenden Beitrag zum Erfolg der Fernsehbranche. Angesichts dieser Fakten muss der Arbeit vor der Kamera im Rahmen von Datenerhebungen zu Beschäftigung und Vergütung in Zukunft deutlich mehr Aufmerksamkeit zukommen.

Der BFFS wird sich auch auf diesem Gebiet dafür stark machen, Schauspielerinnen und Schauspieler bei aktuellen gesellschaftspolitischen Diskussionen nicht außen vor zu lassen.

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II) Erste Erkenntnisse aus den Zahlen der GVL

Aus dem Zahlenmaterial der GVL gehen im Wesentlichen zwei Erkenntnisse hervor. Sie betreffen einerseits die Vergütungsunterschiede und anderseits die Aufteilung von Drehtagen zwischen Schauspielerinnen und Schauspielern.

1. Vergütungsunterschied – der Gender Pay Gap bis 2009

Aufgrund der grundlegenden Umstellung des Erfassungssystems bei der GVL geben die Zahlen nur für den Zeitraum von 2000 bis 2009 direkt Aufschluss über die tatsächlichen Einkünfte.

In diesem Zeitraum basierten die Ausschüttungen auf den gemeldeten Einkünften aus der jeweiligen Produktion. Erfasst ist zudem, ob Einkünfte für eine Schauspielerin oder für einen Schauspieler gemeldet wurden. Anhand der gemeldeten Gesamteinkünfte aus dem Bereich TV konnten somit die durchschnittlichen Jahreseinkünfte pro Anmelderin bzw. pro Anmelder errechnet werden, soweit diese bei der GVL erfasst wurden.

Die Tabelle stellt die durchschnittlichen Jahreseinkünfte von Schauspielerinnen und Schauspielern für die Jahre 2000 bis 2009 aus dem Bereich TV gegenüber. In der letzten Spalte ist der sogenannte Gender Pay Gap für das jeweilige Jahr errechnet. Es handelt sich um die prozentual ausgedrückte Differenz zwischen dem durchschnittlichen Jahresverdienst einer Schauspielerin und dem eines männlichen Kollegen.

Tabelle 1

Daraus ergibt sich nach Euro-Umrechnung und Rundung des Gender Pay Gap folgende Grafik:

Grafik 1

Auf den ersten Blick erfreulich, scheint der Gender Pay Gap zwischen den bei der GVL erfassten Einkünften von Frauen und Männern leicht gesunken zu sein. Die Durchschnittseinkünfte haben sich also angenähert. Auf den Gesamtzeitraum betrachtet allerdings verdienten Schauspielerinnen in den zehn Jahren von 2000 bis 2009 im Fernsehen trotzdem im Durchschnitt 22,7 % weniger als ihre männlichen Kollegen.

2. Drehtage – weniger Arbeitszeit für Frauen

Für den Zeitraum 2010 – 2015 geben die GVL-Zahlen nur noch indirekt Aufschluss über die Vergütungsunterschiede.

Seit 2010 erfolgten die Ausschüttungen durch die GVL nicht mehr auf Grundlage der individuellen Einkünfte von Schauspielerinnen und Schauspielern, sondern auf Grundlage der Anzahl an tatsächlichen Drehtagen. Die dem BFFS vorliegenden Zahlen lassen nur insofern auf ein fortbestehendes Missverhältnis zwischen der Vergütung von Schauspielerinnen und Schauspielern schließen, als für Rollen mit weniger Drehtagen regelmäßig auch ein geringeres Einkommen erzielt wird. Konkrete Zahlen liegen der GVL für die Zeit seit 2010 jedoch nicht mehr vor. Direkt lassen die gemeldeten Drehtage aus den letzten sechs Jahren deshalb nur auf den Umfang der Arbeitszeit von Frauen vor der Kamera gegenüber ihren männlichen Kollegen schließen.

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Die erste Tabelle zeigt für die Jahre 2010 – 2015, wie hoch der weibliche Anteil an den bei der GVL erfassten Fernsehproduktionen war. Dabei wird zwischen den Kategorien A, B und C unterschieden. Die Einordnung in eine der drei Kategorien richtet sich danach, wie hoch der jeweilige Anteil der Schauspielerin oder des Schauspielers an der gesamten Anzahl der Drehtage einer Produktion war:

  • Kategorie A: Schauspielerinnen und Schauspieler, die an mehr als 40 % der gesamten Drehtage einer Produktion vor der Kamera standen.
  • Kategorie B: Schauspielerinnen und Schauspieler, die an 20 – 40 % der gesamten Drehtage einer Produktion vor der Kamera standen.
  • Kategorie C: Schauspielerinnen und Schauspieler, die an weniger als 20 % der gesamten Drehtage einer Produktion vor der Kamera standen.

Da die Meldungen bei der GVL noch nicht abgeschlossen sind, ist in der letzten Zeile der weibliche Anteil an den bislang noch nicht gemeldeten Rollen („Unbekannt“) erfasst.

Tabelle 2

Die zweite Tabelle zeigt die Verteilung der Gesamtzahl der bei der GVL erfassten Drehtage auf Schauspielerinnen und Schauspieler für die Jahre 2010 – 2015 (ohne Differenzierung zwischen Rollen mit vielen oder wenigen Drehtage):

Tabelle 3

Bei der Aufteilung der Drehtage wird deutlich, dass Schauspieler in den vergangenen sechs Jahren im Durchschnitt mit 60 % der Gesamtzahl der Drehtage im Fernsehbereich präsenter waren als ihre Kolleginnen. Die Schwankungen von Jahr zu Jahr lassen nicht die geringste Verbesserung im Sinne einer Angleichung erkennen. Insbesondere bei Rollen mit vielen Drehtagen (Kategorie A) ist der weibliche Anteil überhaupt nicht gestiegen.

III) Konsequenzen für die Arbeit des BFFS

Die GVL-Zahlen bestätigen, dass die Einkommensmissverhältnisse zwischen Schauspielerinnen und Schauspielern nicht weniger gravierend sind als in anderen Berufen. Im Gegenteil:

Der bundesweite Gender Pay Gap, also der Unterschied zwischen den durchschnittlichen Bruttoeinkommen von abhängig beschäftigten Frauen und Männern, beträgt nach Angaben des Statistischen Bundesamtes seit über einem Jahrzehnt – ohne größere Schwankungen – 22 %. Vergleicht man ausschließlich die Einkommen bei gleicher Qualifikation und Tätigkeit, liegt der Einkommensunterschied zwischen Frauen und Männern in ganz Deutschland durchschnittlich bei 7 %.

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Schauspielerinnen haben die gleiche Ausbildung und müssen genauso viel Einsatz bei Dreharbeiten zeigen wie ihre männlichen Kollegen. Die in anderen Berufen anzutreffende Teilzeitbeschäftigung kennt eine Schauspielerin nicht. Deshalb ist es erschreckend, dass der Gender Pay Gap im Jahr 2009 für die bei der GVL gemeldeten Vergütungen mit 19,4 % fast dreimal so hoch war, wie bundesweit für Tätigkeiten bei gleicher Qualifikation.

Unser Ziel als Berufsverband ist es, weitere Daten zu erheben, die die andauernde Ungleichbehandlung belegen. Diese erste Datenanalyse hat gezeigt, dass greifbare Zahlen über Schauspielerinnen und Schauspieler bislang nicht in ausreichendem Umfang vorliegen. Deshalb setzt sich der BFFS für das sogenannte „Monitoring“ durch Filmförderanstalten und Sender ein. Bei der Vergabe von Fördergeldern soll – im Rahmen der ohnehin durchzuführenden umfangreichen Datenerfassung – eine Erhebung von geschlechts­spezifischen Zahlen für die geförderte Produktion erfolgen. Gerade öffentlich-rechtliche Sender und andere öffentliche Einrichtungen sind im Rahmen ihres Kultur- und Bildungsauftrages an das Grundgesetz gebunden. Artikel 3 des Grundgesetzes sieht vor, dass den Staat die Pflicht trifft, „die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern“ zu fördern und „auf die Beseitigung bestehender Nachteile“ hinzuwirken. Deshalb besteht auch die Verantwortung, die Gleichstellung von Schauspielerinnen voran zu treiben. Es sollten Vergleichsdaten zur Beschäftigung von Schauspielerinnen bei der Programmerstellung erfasst werden und als Grundlage für die Programmgestaltung herangezogen werden.

In einem weiteren Schritt wird sich der BFFS näher damit auseinander setzen, welche Ursachen es gerade in unserer Branche für die Missverhältnisse bei Bezahlung und Engagement von Schauspielerinnen gibt. Nur so können wir öffentlich auf das grundlegende Problem hinweisen und konkrete Forderungen für eine Verbesserung der Situation stellen.

An dieser Stelle bitten wir Euch, weiterhin alle Angebote oder Zwischenfälle, die Euch ungerecht, benachteiligend oder unangemessen vorkommen, an unsere E-Mail-Adresse aufdenhundgekommen@bffs.de zu schicken. Alle Einzelbeispiele werden in anonymisierter Form gesammelt und sind eine wichtige Arbeitsgrundlage für den BFFS.

In einem der kommenden Magazine werden wir aktuelle Zahlen zu Schauspielerinnen in deutschen Fernsehproduktionen für euch zusammenstellen und diese vorstellen.

Wir danken dem Geschäftsführer der GVL, Herrn Dr. Tilo Gerlach sowie Herrn Jochen Henke, Leiter des Geschäftsprozessmanagements, für ihr großes Engagement in dieser Sache.

Über Julia Beerhold

Julia Beerhold
Julia Beerhold wurde in Düsseldorf geboren mit dem Ziel, so schnell wie möglich etwas anderes zu sehen. Nach Aufenthalten in Malaysia, USA, Frankreich und Chile lebte sie etliche Jahre in Madrid und absolvierte dort auch ihr Schauspielstudium. Seitdem ist sie nicht weniger reiselustig, aber immerhin sesshaft in Köln. Nach Engagements an verschiedenen Bühnen und einer glanzvollen Karriere als Punkrockgitarristin bei den Bands KWIRL und G.C.Poma (Grrlism Causes Pimples On My Ass) tourte sie mehrere Jahre lang als Pianistin und Sängerin mit dem Serge-Gainsbourg-Abend „Ich liebe dich… ich auch nicht“.

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