Zehn Jahre Equal Pay Day – ein Anlass zum Feiern?

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Julia Beerhold (links) und Manuela Schwesig © BPW Germany | Foto: Oliver Betke

Am 18. März 2017 wird in Deutschland zum zehnten Mal der Equal Pay Day begangen. Equal Pay Day, was war das noch gleich? Ach ja: Dieses Datum markiert symbolisch den Tag im Kalender, bis zu dem Frauen in jedem Jahr unentgeltlich arbeiten. Im nächsten Jahr liegt er auf dem 18. März und hat sich damit nicht wesentlich nach vorne bewegt seit seiner Einführung – was bedeutet, dass die Lohnlücke sich kaum verringert hat.

Deshalb ist dies auch ein Jubiläum, das wir lieber nicht feiern würden – lieber wäre es uns, es gäbe keine geschlechtsspezifische Lohnlücke mehr.

Aber sie existiert nun mal und betrifft auch unsere Branche. Deshalb arbeitet der BFFS mit großem Engagement daran, dass in – hoffentlich nicht allzu ferner – Zukunft keine Schauspielerin mehr aufgrund ihres Geschlechts eine niedrigere Gage erhält oder weniger Chancen hat, besetzt zu werden.

In diesem Zusammenhang ist es dann doch eine gute Nachricht, dass wir zur Auftaktveranstaltung zum zehnjährigen Equal Pay Day am 18. Oktober 2016 in Berlin auf das Podium geladen waren (hier kann man sich ein kurzes Video über die Veranstaltung ansehen). Ich konnte auf dem Podium neben Familienministerin Manuela Schwesig und ihrer schwedischen Amtskollegin Åsa Regnér sowie der Gleichstellungsbeauftragten der Universität Stuttgart, Edeltraud Walla, die wegen Lohndiskriminierung bis vor das Bundesverfassungsgericht gezogen ist, über die Situation in unserer Branche berichten.

Meine Schilderungen riefen großes Erstaunen hervor. Sowohl die oft antiquierten Rollenbilder als auch die Tatsache, dass Frauen im Film in der Mehrzahl noch immer jung, schlank und weiß zu sein haben, ist ein Problem nicht nur für Frauen, sondern für alle, die an einer Welt frei von Geschlechterstereotypen interessiert sind. Das Publikum reagierte zudem mit großem Interesse auf die eingangs erwähnten Zahlen, die wir im vergangenen Jahr gesammelt haben. (Siehe hierzu unseren im BFFS-Magazin erschienenen Artikel FRAUEN IM DEUTSCHEN FERNSEHEN – FAKTENCHECK TEIL I: VERGÜTUNG).

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Auch die Wahrnehmungsverzerrung, der die meisten von uns unterliegen, war Thema: Wir alle sind so daran gewöhnt, mehr Männer als Frauen auf dem Bildschirm zu sehen, dass schon ein leichter Anstieg in der Besetzung von Frauen ausreicht, dass wir eine „Frauenschwemme“ wahrnehmen, wo keine ist.

Als konkretes Beispiel nannte ich die Anzahl der Tatort-Kommissarinnen. Ich höre oft den Satz „Aber es gibt doch so viele Kommissarinnen, das sind ja mittlerweile viel mehr Frauen als Männer!“ Dabei genügt ein Blick auf die Seite der ARD und es wird klar: Es gibt zur Zeit 29 männliche und 20 weibliche Kommissare beim „Tatort“. Das entspricht ungefähr einem Verhältnis von 60 zu 40 Prozent. Von einer Überzahl an weiblichen Kommissaren kann daher keine Rede sein. Die Zahlen stehen klar im Gegensatz zur „gefühlten Wahrheit“, die durch Sehgewohnheiten entsteht, die uns alle betreffen – Männer wie Frauen.

Ein weiteres Beispiel, über das ich sprechen konnte, war die aberwitzige Vermischung von Realität und Fiktion bei der Kalkulation der Gagen. Männer spielen öfter akademische Rollen (Rollen, wohlgemerkt), Frauen hingegen stellen häufig Figuren dar, deren Beruf entweder nicht näher definiert ist oder die in niedrig entlohnten Berufen angesiedelt sind (die Figuren!). Immer wieder stoßen wir auf Fälle, bei denen die Rollen mit den in der Realität besser verdienenden Figuren auch im Film höher entlohnt werden.

So wissen wir von einem konkreten Beispiel, bei dem bei fünf Figuren (zwei Männer, die  Akademiker darstellen, drei Frauen, die Prostituierte spielen) für die Männer das Fünffache der Frauengagen kalkuliert wurde. Auf die Nachfrage bei der Herstellungsleitung, wie sich der enorme Unterschied begründe, kam die Antwort: „Aber das sind doch Akademiker!“

Im Einzelnen sind solche Fälle schwer zu beweisen und wir würden sie gerne in den Bereich der Fiktion abschieben, aber wir treffen sie in der Praxis immer wieder an. Und die enorme Lohnlücke, die die Zahlen der GVL belegen, hat eben verschiedene Ursachen: Frauen kommen weniger vor, und wenn sie vorkommen, werden ihre Gagen häufig niedriger kalkuliert.

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Auch zu der Tatsache, dass unserer Branche eine besondere Verantwortung zukommt, konnte ich berichten. Schauspielerinnen und Schauspieler bilden einerseits die Realität ab, gleichzeitig prägen wir sie eben auch durch unsere Erzählungen. Wir sind also nicht nur Spiegel, sondern gleichzeitig Wegbereiter gesellschaftlicher Entwicklungen. Diese Verantwortung gegenüber dem Publikum wird bei der Programmgestaltung bislang leider häufig verkannt. Wir kämpfen ja nicht nur darum, dass in unserem Beruf niemand aufgrund seines Geschlechts weniger verdient, sondern wir sehen uns in einem größeren Zusammenhang: Mit welchen Rollenzuschreibungen wollen wir leben?

Publikum und Podiumsgäste waren sich schnell einig, dass die bestehende Lohnlücke im Bereich Schauspiel zu hoch ist, um ignoriert zu werden, und begrüßten die Forderung des BFFS nach einem Monitoring bei Sendern und Förderanstalten zur Präsenz und Bezahlung von Männern und Frauen.

Vielleicht geht es uns ja mal wie den Ausrichterinnen des Equal Pay Days: Nach ein paar Jahren wird nicht mehr diskutiert, ob es die Lohnlücke gibt, sondern nur noch, aus welchen Gründen. Na, das wäre doch immerhin ein Fortschritt. Wir hoffen, dass es in unserer Branche bis zur Auseinandersetzung mit den Gründen keine zehn Jahre dauern wird.

Fazit des Abends:

Die Lohnlücke existiert auch im Bereich Schauspiel und hat verschiedene Ursachen.

Die Frauenbilder in Film und Fernsehen sind vielleicht nicht mehr so schlimm wie in den fünfziger Jahren, aber das, was uns heute  gespiegelt wird, ist immer noch weit von unserer Realität entfernt. Die sieht nämlich so aus: Frauen stellen die Hälfte der Bevölkerung, und wir existieren in allen Altersklassen und Erscheinungsbildern. Und wir sind es wert, auch so „vorzukommen“. Und natürlich sind wir es wert, das Gleiche zu verdienen. Darüber bestand zwischen allen Beteiligten des Abends große Einigkeit.

Über Julia Beerhold

Julia Beerhold
Julia Beerhold wurde in Düsseldorf geboren mit dem Ziel, so schnell wie möglich etwas anderes zu sehen. Nach Aufenthalten in Malaysia, USA, Frankreich und Chile lebte sie etliche Jahre in Madrid und absolvierte dort auch ihr Schauspielstudium. Seitdem ist sie nicht weniger reiselustig, aber immerhin sesshaft in Köln. Nach Engagements an verschiedenen Bühnen und einer glanzvollen Karriere als Punkrockgitarristin bei den Bands KWIRL und G.C.Poma (Grrlism Causes Pimples On My Ass) tourte sie mehrere Jahre lang als Pianistin und Sängerin mit dem Serge-Gainsbourg-Abend „Ich liebe dich… ich auch nicht“.

Siehe auch

„Drum prüfe, wer sich ewig bindet“

IVS und BFFS auf dem Weg zueinander Bereits auf seiner Mitgliederversammlung am 12. März hat der InteressenVerband …

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