Kultur will Wandel – wer ist dabei?

Die überbetriebliche Beschwerdestelle nimmt Gestalt an

Die im Oktober letzten Jahres gestartete Initiative unseres Bundesverband Schauspiel (BFFS) zur Gründung einer überbetrieblichen Beschwerdestelle hat schnell wichtige Partner und Unterstützer gefunden: Pro Quote Film, Deutsche Filmakademie, Deutsche Akademie für Fernsehen (DAfF), InteressenVerband Synchronschauspieler (IVS), Verband der Agenturen (VdA), Verband der Schauspieler Agenturen (VDSA), Verband der Nachwuchsagenturen (VDNA), Bundesverband Casting (BVC), Bundesverband Regie (BVR) sowie Bundesvereinigung Maskenbild (BVM).

v.l.n.r.: Bernhard F. Störkmann (BFFS), Andreas Windhuis (VDSA), Karimah El-Giamal (BVC), Patrick Adam (VDA), Charlotte Siebenrock (BVC), Malte Lamprecht (VDA), Ikram Belajouza (Antidiskriminierungsstelle), Anja Dihrberg (BVC), Anne Leppin (Deutsche Filmakademie), Matthias von Fintel (ver.di), Jacqueline Rietz (VDNA), Heinrich Schafmeister (BFFS), Ilona Brokowski (IVS), Barbara Rohm (Pro Quote Regie), Andrea Schneider (Produzentenallianz)

In einem gemeinsam verabschiedeten Eckpunktepapier sind sich die Branchenverbände nach drei intensiven Arbeitstreffen einig geworden: Eine überbetriebliche Beschwerdestelle soll schnellstmöglich errichtet werden, also eine externe Anlaufstelle, an die sich künftig Filmschaffende in Fällen sexueller Belästigung und Übergriffe vertrauensvoll wenden können.

Warum brauchen wir diese Stelle?

Eigentlich sieht der Gesetzgeber seit 2006 vor, dass jeder Betrieb eine solche Beschwerdestelle vorhält. Arbeitsweise, Zuständigkeiten und Kompetenzen einer solchen Einrichtung sind im Prinzip gesetzlich geregelt. Das Rad muss nicht völlig neu erfunden werden (siehe dazu die Broschüre der Antidiskriminierungsstelle des Bundes „Was tun bei sexueller Belästigung am Arbeitsplatz – Leitfaden für Beschäftigte, Arbeitgeber und Betriebsräte“).

Allerdings sehen der BFFS und die anderen Branchenverbände die Notwendigkeit, gerade für unsere Branche eine überbetriebliche Anlaufstelle zu errichten. Anders als in anderen Branchen wirken in unserer Film- und Fernsehlandschaft überwiegend Filmschaffende, die als kurz befristet Beschäftigte oder selbstständige Mitarbeiter ständig zwischen Filmbetrieben ohne feste Belegschaft oder gar Betriebsrat hin und her wechseln und permanent auf Arbeitsuche sind. Darum sind bei Filmproduktionen Beschwerdestellen auf betrieblicher Ebene – wie vom Gesetzgeber vorgesehen – kaum vorhanden bzw. schwer einzurichten und überdies wenig sinnvoll. Nur eine auf überbetrieblicher Ebene angelegte Beschwerdestelle, die sich ansonsten aber an den gesetzlichen Vorgaben orientiert, kann ihre vom Gesetzgeber gewünschte Wirkung voll entfalten. Die Frage ist:

Aus welchen Mitteln kann eine solche externe Einrichtung finanziert werden?

Wer fühlt sich verantwortlich?

Wer ist dabei?

Die Staatsministerin für Kultur und Medien, Monika Grütters, geht mit gutem Beispiel voran und will das Vorhaben unterstützen. Sie wird zunächst eine erste Anschubfinanzierung bereitstellen. Nun heißt es für Sender und Produzenten, Farbe zu bekennen bzw. den eigenen Worten auch Taten folgen zu lassen und ebenfalls einen geeigneten Unterstützungsbeitrag zu leisten. Nur so kann die überbetriebliche Einrichtung in die Lage versetzt werden, nachhaltig zu arbeiten.

Der BFFS und ver.di haben gleich zu Anfang der derzeit laufenden Verhandlungen zum Mantel- und zum Schauspieltarifvertrag die Einrichtung dieser Beschwerdestelle als Thema eingebracht und wünschen sich, dass die finanzielle Unterstützung der Einrichtung durch Produzenten und Sender tariflich mitgeregelt wird.

Wenn die Signale der Sprecher der öffentlich-rechtlichen Sender ernst zu nehmen sind, werden auch sie die Beschwerdestelle mit den notwendigen Geldmitteln ausstatten, denn sie sehen den Handlungsbedarf und sich in der Verantwortung.

Wie geht es nun weiter?

Zunächst muss ein Trägerverein gegründet werden, der als Fundament der Beschwerdestelle dient. Mitglieder dieses Trägervereins werden hoffentlich alle beteiligten Branchenverbände einschließlich Produzenten und Sender.

Neben der wichtigen Anschubfinanzierung durch das BKM, finanzieller Unterstützung, die von Sender- und Produzentenseite erwarten werden können, braucht es weitere finanzielle Mittel. Diese zu organisieren, bleibt Aufgabe aller Beteiligten. Erste Schritte hierzu wurden schon unternommen. Mit dem Konzept in der Tasche werben die Initiatoren seit Mitte Januar für ihre Idee und um weitere potentielle Geldgeber.

Wer weiß, vielleicht kann schon ab März 2018 die Überbetriebliche Beschwerdestelle mit ihrer operativen Arbeit anfangen.

Mittel- und langfristige Prävention

Das eigentliche Ziel – davon ist zumindest der BFFS überzeugt – muss sein, nicht nur auf Fälle sexueller Belästigung und Übergriffe, nachdem sie passiert sind, zu reagieren, sondern diese zu verhindern bzw. ihnen vorzubeugen. Hier sind gerade auch diejenigen gefragt, die Zeugen solcher Vorfälle werden. Sie sind in einer etwas stärkeren Position als die Angegriffenen. Sie können besser den Mund aufmachen, um Schlimmeres zu verhüten oder zumindest zuständige Stellen, z. B. die überbetriebliche Beschwerdestelle, zu informieren.

Daneben ist – jedenfalls nach Auffassung des BFFS – die Entwicklung eines geeigneten branchenspezifischen Verhaltenskodex ein wichtiger Bestandteil der Prävention. Um Missverständnisse zu vermeiden: Die Handlungsempfehlungen eines solchen Verhaltenskodexes dürften sich nicht nach dem Motto „eine Armlänge Abstand halten“ an potentielle Opfer richten, sondern vielmehr an diejenigen, die Arbeits- bzw. Bewerbungssituationen maßgeblich gestalten.

Aber langfristig werden unsere Bemühungen für eine Arbeitskultur ohne sexualisierte Gewalt und ohne Machtmissbrauch nur erfolgreich sein, wenn wir die ungerechten Gefälle beseitigen, die für diese Auswüchse erst den Boden bereiten. Dass unsere Kolleginnen in einem ohnehin sozial und wirtschaftlich prekären Umfeld bei Bezahlung und Besetzung benachteiligt sind, ist nicht nur unfair und ein Armutszeugnis für unsere ansonsten sendungsbewusste Branche, sondern auch eine der tieferen Ursachen für die in den aktuellen Schlagzeilen beklagten Missbrauchsfälle. Diese zu verurteilen, ist das eine (und selbstverständliche). Das andere und entscheidende wird sein, das Macht- und Chancengefälle aktiv zu bekämpfen. Und auch hier muss sich jeder und jede – egal, in welcher Position – fragen: Bin ich dabei, diesen kulturellen Wandel mit herbeizuführen?

„Kultur will Wandel“

So heißt denn auch die Gesprächsrunde, die der BFFS zusammen mit Pro Quote Film und der Antidiskriminierungsstelle des Bundes anlässlich der Berlinale 2018 zu dem Thema veranstaltet. Alle Kolleginnen und Kollegen sind herzlich eingeladen:

Lesenswert:   Was ist mit DIE FILMSCHAFFENDEN und ihrem FairFilm Award?

Am 19. Februar 2018, 14:30 Uhr – 17:00 Uhr (Einlass 14:00 Uhr)
TIPI am Kanzleramt, Große Querallee, 10557 Berlin

Hier kann die Einladung heruntergeladen werden

Gemeinsam mit Vertreterinnen und Vertretern der Film- und Fernsehbranche soll diskutiert werden, um Wege aufzuzeigen, wie sexualisierte Belästigung und Gewalt innerhalb unserer Branche verhindert und Betroffene angemessen unterstützt werden könnten – z. B. durch eine überbetriebliche Beschwerdestelle. Die Veranstaltung ist kostenfrei und wird simultan ins Englische und in Gebärdensprache übersetzt.

Interessierte Kolleginnen und Kollegen werden aufgefordert, sich

bitte hier zu „Kultur will Wandel“ anzumelden.

Wer ist dabei? Hoffentlich möglichst viele, gerade von uns Schauspielerinnen und Schauspielern!