Am 1. Oktober startet THEMIS

Interview mit BFFS-Justiziar Bernhard Störkmann zur neuen Vertrauensstelle gegen sexuelle Belästigung und Gewalt

Im Oktober letzten Jahres wurde im BFFS die Idee zu einer externen, überbetrieblichen Beschwerdestelle geboren. Eine Anlaufstelle sollte entstehen, an die sich alle Kolleginnen und Kollegen aller Gewerke unserer Branche wenden können, die von sexuellen Belästigungen, Übergriffen, Missbrauch oder Gewalt betroffen sind.

Unser Justiziar Bernhard Störkmann steckte von Anfang an tief im Entstehungsprozess. Er war mit der Ausarbeitung des Konzepts befasst, hat andere Branchenverbände als Initiatoren gewinnen können und bildet seit 31. Mai zusammen mit Barbara Rohm (ProQuote Film) den Gründungsvorstand von THEMIS – der Vertrauensstelle gegen sexuelle Belästigung und Gewalt. Am 1. Oktober wird THEMIS ihre Arbeit endlich aufnehmen.

Die letzten Vorbereitungen laufen auf Hochtouren, halten den THEMIS-Vorstand völlig in Bann und lassen eigentlich keinen Raum für Interviewfragen. Trotzdem, Bernhard Störkmann hat sich dafür Zeit genommen (die er eigentlich nicht hat 😉 Ganz herzlichen Dank!

1. Bernhard, derzeit hast du alle Hände voll zu tun, mit der neu eingerichteten Vertrauensstelle gegen sexuelle Belästigung und Gewalt. Für diejenigen die es noch nicht mitbekommen haben, um was geht es genau?

In der konventionellen Arbeitswelt kennen wir in der Betriebsorganisation sogenannte innerbetriebliche Beschwerdestellen, bei denen sich Betroffene von sexueller Belästigung und Gewalt, die sie im Zusammenhang mit ihrer beruflichen Tätigkeit an ihrem Arbeitsplatz erfahren haben, wenden können. Nach den gesetzlichen Regelungen hat jeder Beschäftigte gegenüber seinem Arbeitnehmer einen Anspruch auf Schutz gegen derlei Vorfälle.

Anders als in anderen Branchen gibt es in der Film- und Fernsehlandschaft, aber auch in anderen Kultursparten, überwiegend kurz befristet Beschäftigte oder selbstständige Mitarbeiter, die zum Beispiel ständig zwischen Filmbetrieben ohne feste Belegschaft oder gar Betriebsrat hin und her wechseln und permanent auf Arbeitsuche sind. Bei dieser Arbeitssuche sind oft private Arbeitsvermittler und vom Betrieb ausgelagerte Besetzungsbüros (Casting-Agenturen) involviert.

Vor diesem Hintergrund sind Beschwerdestellen auf betrieblicher Ebene nicht ausreichend bzw. schwer einzurichten und überdies besonders mit Blick auf die Phase der Arbeitssuche kaum sinnvoll.

Es bestand daher das Bedürfnis, zusätzlich zu schon bestehenden betrieblichen Beschwerdestellen in einzelnen Betrieben, Betroffenen durch Einrichtung einer unabhängigen und überbetrieblichen Anlaufstelle die Möglichkeit zu bieten, sich an diese Anlaufstelle in Fällen von sexueller Belästigung und Gewalt wenden zu können.

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Neben der konkreten Betreuung von konkreten Beschwerdestellen, mit denen sich Betroffene an unsere neu geschaffene Vertrauensstelle wenden können, soll die Themis-Vertrauensstelle darüber hinaus weitere Aufgaben der generellen Aufarbeitung und Prävention wahrnehmen mit dem Ziel, mittel- bis langfristig einen Kulturwandel und eine Bewusstseinsbildung für eine gewalt- und angstfreie Arbeitskultur zu schaffen. Letztlich aus unserer Sicht ein wichtiger und notwendiger Schritt zu mehr Geschlechtergerechtigkeit.

Dabei spielt auch der Aspekt des gesellschaftlichen Zusammenhalts eine wichtige Rolle: Denn darum geht es ja im Effekt. Dass das Schweigen im Fall einer ungerechten, also rechtswidrigen Ungleichbehandlung, gebrochen wird und das Umfeld von Betroffenen sich solidarisiert, statt Betroffene durch umgekehrte Schuldzuweisung noch weiter zu schädigen.

2. Diese Vertrauensstelle nennt sich „Themis“. Was bedeutet das?

Wir haben uns im Rahmen der Gründung auf den Namen: Themis-Vertrauensstelle gegen sexuelle Belästigung und Gewalt geeinigt.

Den Namen „Themis“ haben wir der griechischen Mythologie entliehen. Themis ist die Göttin der Gerechtigkeit und des gesellschaftlichen Zusammenhalts.

Wenn die Vertrauensstelle sich mit konkreten Vorfällen von sexueller Belästigung beschäftigt, geht es auch darum, Gerechtigkeit für die einzelne Person wieder herzustellen, die ja durch einen solchen Vorgang Nachteile erleidet. Sie hat erlebt, dass sie an ihrem Arbeitsplatz ihre Arbeit nicht belästigungsfrei verrichten kann. Daraus erwachsen ihr Nachteile und es schadet ihr. Es geht auch darum, solche Benachteiligungen abzustellen und derlei Schaden von den Betroffenen fernzuhalten. Ein wichtiger Aspekt, den wir mit Gerechtigkeit assoziieren.

Es war uns aber auch wichtig, diese Stelle nicht „Beschwerdestelle“, sondern vielmehr „Vertrauensstelle“ zu nennen.

So wird deutlich, dass Betroffene im geschützten Raum handeln. Sie selbst entscheiden mit Hilfe ihrer Beraterin bzw. ihres Beraters wie sie vorgehen und was sie fordern wollen.

Wollen sie anonym bleiben oder die Anonymität aufgeben?
Wollen sie, dass sich die entsprechende Person entschuldigt?
Wollen sie, dass das Unternehmen den Fall thematisiert und Veränderungen im Arbeitsklima / in der Arbeitsstruktur herbeiführt?
Wollen sie die Zusammenarbeit mit der entsprechenden Person beenden?
Wollen sie, dass die Stelle eine Beschwerde führt?

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3. Wann wird Themis mit der eigentlichen Arbeit beginnen, bzw. wann können sich Betroffene an die Stelle wenden?

Die Themis wird am 01.10. ihre Arbeit aufnehmen. Dann nehmen in der Geschäftsstelle der Themis in Berlin Schöneberger Ufer 71 eine Juristin, eine Dipl. Psychologin und eine Office-Managerin ihre Arbeit auf.

4. Seit der BFFS vor einem Jahr die Initialzündung für die Vertrauensstelle gegeben hat, ist viel Zeit vergangen. Warum hat es so lange gedauert?

Zuerst ging es darum, eine breite Basis in der Film- und Fernsehbranche zu gewinnen, die diese überbetriebliche Vertrauensstelle trägt. Neben den zahlreichen Berufs- und Interessenverbänden ging es auch darum, Produzentenverbände, Sender und schliesslich auch die politisch Verantwortlichen in die Pflicht zu nehmen und für dieses Projekt eben Überzeugungsarbeit zu leisten.

Herausgekommen ist ein Konzeptpapier, dass die Grundlage und das Fundament für die Arbeitsweise der Vertrauensstelle bildet.

Auf dieses so benannte „Eckpunktepapier“ haben sich nach mehrmonatigen Verhandlungen mehr als 15 Branchenverbände der Film und Fernsehbranche sowie ARD, ZDF und der Verband der Privatsender und natürlich die Produzentenverbände einigen können. Die Arbeitgeberseite ist zudem auch durch den Deutschen Bühnenverein vertreten.

5. Mit Barbara Rohm von ProQuote Film bildest Du den Vorstand der Themis. Welche Aufgabe hat der Vorstand?

Als erster Vorstand des gegründeten Vereins Themis – Vertrauensstelle e.V. sind wir zunächst mit dem eigentlichen Aufbau der Vertrauensstelle in den vergangenen Monaten befasst. Dazu gehören die Einstellung und Suche von geeigneten Mitarbeitern, die Anmietung von Büroräumen und natürlich eine Fülle von organisatorischen Vorbereitungsarbeiten, die die Einrichtung einer solchen Vertrauensstelle bedarf.

6. Wird der Vorstand, also Barbara und du mit den Vorfällen betraut sein?

Nein. Die Arbeit und Aufgaben des Vorstandes sind klar und strikt von der Arbeit der Menschen zu trennen, die für die Betroffenen und ihr Anliegen eigens eingestellt wurden.

Der Vorstand wird vielmehr die Aufgaben haben, der Themis ein Gesicht nach aussen zu geben, also Rede und Antwort zu stehen, wenn es darum geht auch die Öffentlichkeit über die Arbeitsweise der Themis zu informieren und daneben natürlich auch weiterhin organisatorische Verwaltungsaufgaben des Rechtsträgers der Vertrauensstelle also des Vereins der hierfür eigens gegründet wurde.

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Diese Arbeit sollen die Mitarbeiter der Themis also die eingestellte Volljuristin und die Dipl. Psychologin nicht leisten. Sie sind ausschliesslich für die Betroffenen dar, so ist dann auch in jeder Hinsicht ein absoluter Vertraulichkeitschutz der Betroffenen gewährleistet.

7. Wer sind die Ansprechpersonen für die Betroffenen? Darfst du das schon sagen?

Den Betroffenen steht wie gesagt ab 01. Oktober eine erfahrene Volljuristin und eine Dipl. Psychologin zur Verfügung.
Die Volljuristin verfügt über eine langjährige Expertise als Gleichstellungsbeauftragte und hat zudem viele Jahre als Juristin in der Film- und Fernsehbranche gearbeitet. Sie kennt also unseren Berufsalltag aus langjähriger eigener Praxisnähe.

8. Für wen ist Themis zuständig?

Die Anlaufstelle soll zunächst Angebote insbesondere für folgende Betroffene bereitstellen:
Beschäftigte bei Film- oder Theaterproduktionen, die zu ihrer Berufsausbildung Beschäftigten, Personen, die wegen ihrer wirtschaftlichen Unselbständigkeit als arbeitnehmerähnliche Personen anzusehen sind, Bewerberinnen und Bewerber für ein Beschäftigungsverhältnis, Personen, deren Beschäftigungsverhältnis beendet ist, Bewerber und Bewerberinnen, die im Rahmen von Filmproduktionsprojekten als freie Mitarbeiter und/oder arbeitnehmerähnliche Personen erwerbstätig werden wollen.
Freie Mitarbeiter.

9. Welche Kosten sind für die Vertrauensstelle angefallen und wie finanziert sich diese?

Die Vertrauensstelle erhält zunächst für die Dauer der nächsten drei Jahre eine Förderung durch das BKM von jährlich bis zu 100.000,00 Euro. Darüberhinaus leisten ARD, ZDF, Produzentenallianz, die Verwertungsgesellschaft der Produzenten, dem Verband der privaten Sender finanzielle Zuwendungen.

10. Wenn Themis ihre Arbeit aufgenommen hat, wie soll es weitergehen bzw. gibt es eine Zielführung?

Zunächst ist es nun Ziel, das die Themis ihre Türen zum 01. Oktober öffnet und den Betroffenen von sexueller Belästigung und Gewalt unterstützend zur Verfügung steht. Zum Ende des nächsten Jahres soll die Arbeit der Vertrauensstelle evaluiert werden, um gegebenenfalls auch mit der Erfahrung durch Auswertung anonymisierter Fälle die Arbeit der Vertrauensstelle zu optimieren und besser unterstützen bzw. ausrichten zu können.