Hamburger Stammtisch 04.03.2019

Privattheater – Quo vadis?

Thema des Hamburger März-Stammtisches waren die Herausforderungen in der Privattheaterszene, mit denen einerseits wir Schauspieler*innen und andererseits die Privattheater selbst sowie die Behörde für Kultur und Medien zu kämpfen haben. Dazu waren eingeladen: die Intendantin des Ernst Deutsch Theaters Isabella Vertès-Schütter, die Referentin der Behörde für Kultur und Medien Elke Westphal und die Repräsentantin für Bühne im BFFS-Vorstand Klara Deutschmann. Organisiert wurde dieser Stammtisch von den Regionalpaten Tommaso Cacciapuoti und Sebastian Herrmann.

Der Abend begann, ganz schauspielertypisch, mit einer Improvisation. Entgegen anderer Absprachen standen wir am vereinbarten Ort vor verschlossenen Türen. Über einige Umwege nahmen uns ganz spontan und unglaublich zugetan die Betreiber der Taverna Romana auf und stellten uns einen Nebenraum umgehend zu Verfügung. Die herzliche Chefin entschuldigte sich sogar für die Unannehmlichkeiten des kleinen Raumes, während wir dankbar die echte „Stammtisch“-Atmosphäre würdigten. An dieser Stelle herzlichen Dank für diese tolle und spontane Gastfreundschaft.

BFFS-Vorstandsmitglied Heinrich Schafmeister, der auf der Durchreise dem Abend kurzfristig beiwohnen konnte, nutzte den Moment, in denen der Bildschirm für eine PowerPoint-Präsentation eingerichtet wurde und berichtete kurz über die aktuelle Arbeit des Vorstands. So wenden sich zurzeit viele besorgte Kolleginnen und Kollegen wegen der „Unständigkeit“ an den BFFS. Erfreulich ist die Bereitschaft der tarifgebundenen Filmproduktionen, künftig die Anzahl unserer Drehtage direkt an die GVL zu übermitteln.

Dann konnte es endlich losgehen. Nach der Vorstellung der Gäste wurde zunächst mithilfe einer vorbereiteten PowerPoint-Präsentation die wirtschaftliche Situation verdeutlicht, wie Schauspieler*innen sie an den ca. 30 Hamburger Privattheatern erleben:

  • Auch wenn Uneinigkeit herrschte bzw. es keine präzisen Zahlen gab, wie viele Schauspieler*innen in Hamburg leben und arbeiten, ist festzustellen, dass von denjenigen, die an Privattheatern spielen, nur die Hälfte mehr als in einer Produktion pro Spielzeit beschäftigt sind.
  • Ein Evaluationsgutachten aus dem Jahr 2016, das die Wichtigkeit der Vielfältigkeit der Hamburger Theaterlandschaft hervorhob, empfahl der Stadt Hamburg die Zuwendungen für alle Privattheater um 2,7 Millionen Euro zu erhöhen. Die Stadt kam der Empfehlung mit einer Erhöhung von 1,8 Millionen Euro und einer folgenden jährlichen Erhöhung um 1,5% (nicht vollumfänglich) nach und die Privattheater konnten ihren festangestellten Mitarbeitern nach 10 Jahren Gagenerhöhungen zukommen lassen, Stellen für Marketing schaffen oder Baumaßnahmen in Angriff nehmen. Keine Berücksichtigung in dem Gutachten fanden allerdings Schauspieler*innen, die, wenngleich befristet, ja auch überwiegend abhängig an Privattheatern beschäftigt sind.
  • Tatsächliche und durchschnittliche Zahlen die Gagensituation betreffend, verdeutlichten, dass die Arbeit an den Privattheatern im niedrigen Segment entlohnt wird, dass die Gagen vielfach nicht zum Lebensunterhalt ausreichen. Die Umfrage führte zu einem Ergebnis, in dem knapp 40% der Befragten angaben, gut von ihrem Beruf leben zu können, aber immerhin über 50% meinten, nicht ausschließlich oder sogar gar nicht vom Schauspielerberuf leben zu können. Das führte bei allen Beteiligten zu einigem Entsetzen.
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Das Wort wurde an Isabella Vertès-Schütter weitergegeben, die von den Herausforderungen aus Intendantinnen Sicht sprach.

  • Verantwortlich für 120 feste Mitarbeiter*innen, muss sie Sorge tragen, dass diese angemessen entlohnt werden und nicht in prekäre Situationen geraten. Die vor Jahrzehnten beschlossene Selbstverpflichtung 80% der Entlohnungen an Stadt- und Staatstheatern zu zahlen, sind aber heute durch steigende Kosten nicht mehr zu erreichen.
  • Auch die Einführung, sowie die sukzessive Steigerung des Mindestlohns stellt sie vor große Herausforderungen, da diese Mehrkosten nicht von außen dazu kommen, sondern selbst erwirtschaftet werden müssen.
  • Was die Entlohnung der Schauspieler*innen an ihrem Haus betrifft, sprach sie davon, dass sie, wenngleich nicht an den Tarifvertrag NV-Bühne gebunden, sich dergestalt an ihm orientiert, den Schauspieler*innen mindestens die dort festgesetzte Mindestgage von 2000.-€ pro Monat zu zahlen. In der Regel sind Schauspieler*innen an ihrem Haus für drei Monate beschäftigt (6 Wochen Proben, 6 Wochen Vorstellungen), 30 Vorstellungen werden garantiert, was eine Mindestvorstellungsgage von 200.- € ergibt.
  • Dass an anderen Theatern in Hamburg weniger bezahlt wird oder dass es im Umgang mit Probenzeiten zu sittenwidrigen Situationen kommt, empfindet sie als untragbar, spürt aber auch eine Konkurrenzsituation.
  • Darüber hinaus konstatierte sie, dass wenn sie in der derzeitigen wirtschaftlichen Situation die Schauspieler*innengagen deutlich anheben würde, die Folge wäre, die Produktionszahlen zu verringern und somit Arbeitsplätze und -möglichkeiten zu reduzieren.
  • Sie plädierte stark für verbindliche Regellungen, die die Schauspieler*innen, aber auch die anderen Gewerke mit einbeziehen.

Frau Westphal fügte dem mittlerweile offenen Gespräch hinzu, dass es für sie und die für die freie Szene zuständige Kollegin schwierig sei, mit im Nachhinein festzustellenden unlauteren Entlohnungen umzugehen. Eine drastische Sanktionierung hätte Schließungen zur Folge, was keine Option sein solle. Und überdies sei die gerechte Entlohnung der Schauspieler*innen nicht Teil der Auflagen, die die Privattheater für den Zuwendungserhalt erfüllen müssten.

Von den Anwesenden kamen folgende Anregungen/ Fragen auf:

  • Schauspieler*innen sollten transparenter und mutiger miteinander über ihre Gagen sprechen.
  • Stellen faire Bezahlung nicht einen Wettbewerbsvorteil gegenüber „unfairen“ Arbeitgebern dar?
  • Könnten Theater nicht mit einem „Gütesiegel“ versehen werden?
  • Die unterschiedlichen Anstellungsformen seien zu berücksichtigen.
  • Vielleicht böte sich auch bei Ensuite-Theatern an, nicht in Vorstellungsgagen, sondern in Monatsgagen zu denken?
  • Wieviel Geld braucht man zum Leben? Danach müsse sich auch eine Einstiegsgage orientieren.
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Das Wort „Einstiegsgage“ in der Präzisierung des Begriffs „Mindestgage“ wurde auch seitens Isabella Vertès-Schütters wohlwollend aufgenommen. Nochmal bestätigte sie nachdrücklich: Zuerst müsse mehr Verbindlichkeiten in Bezug auf die Gagen geschaffen werden. BFFS für die Schauspieler*innen und ver.di für das Team sollten dazu das Gespräch suchen. Das könne Schule machen. Anschließend sollte man sich an die politischen Entscheidungsträger wenden, um die nötige Unterstützung von dort zu bekommen. Diese Reihenfolge sei wichtig.

Die Zeit verging im Flug und aufgrund von Zugverbindungen musste Klara Deutschmann den Abend vorzeitig verlassen. So kam sie nicht mehr dazu, ausführlich zu berichten, wie ihr Einstieg in den Vorstand war und was die Zusammenarbeit z. B. mit dem Ensemble Netzwerk angeht.

Den tollen Gästen sei nochmal herzlich gedankt. Ebenso gebührt besonderer Dank Jennifer und Michael Ehnert, die sämtliche Getränkekosten übernahmen! 

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