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Druck in der Hütte!

Zunächst einmal Zeitdruck. Insgesamt 25 Mitglieder hatten innerhalb von 5 Monaten 11 Anträge für die nächste Mitgliederversammlung gestellt – das gab es noch nie! – die jetzt am Montagnachmittag des 27. Mai darauf warteten, in einer auf 5 Stunden angesetzten außerordentlichen Sitzung von ca. 70 anwesenden Mitgliedern debattiert und entschieden zu werden. Eine Herausforderung, die mir als Versammlungsleiter die Schweißperlen auf die Stirn trieb und dahinter Zweifel: War die Kritik berechtigt, zu viele Punkte auf der Liste zu haben? Hätten vielleicht doch vorher ein paar Anträge vertröstet werden sollen? Aber, wenn ja, welche? … kommt Kinder, was soll’s, los geht’s!

Denn auch viele unserer Leute fühlen sich unter Druck und machen Druck, dass unser BFFS voranschreitet.

Im Film- und Fernsehbereich wurde viel erreicht, im Synchronbereich auch, aber im Bühnensektor hat unser BFFS bisher noch keine verbindlichen Regelungen in Angriff nehmen können. Unsere dortigen Kolleginnen und Kollegen fordern zu Recht, dass hier endlich der Startschuss fällt und gaben auf der Mitgliederversammlung dazu mit ihrer Stimme ein eindeutiges Signal.

Die Urheberrechtsdebatte, die zuletzt auf europäischer Ebene geradezu kriegerisch geführt wurde, hat auch viele Mitglieder bedrückt. Was ist dran an „Zensur“ durch „Uploadfilter“? Stand der BFFS in allem auf der richtigen Seite? Jetzt müssen wir uns untereinander die Zeit nehmen, uns ohne totalitäre Töne mit diesem komplexen Thema differenziert zu befassen. Nur so kann die Verunsicherung weichen und unser BFFS gestärkt werden, sich für eine demokratie- und kreativfreundliche Umsetzung der EU-Urheberrechtsrichtlinie in deutsche Gesetzgebung einzusetzen.

Die neue, durch das Bundessozialgericht verursachte Praxis, uns bei Dreharbeiten unständig abzurechnen, verursacht enormen Druck, vor allem bei denen von uns, die nur wenige Drehtage haben. Sie sind geschockt, was jetzt nur noch netto übrig bleibt. Davon können sie nicht leben. Andere unter uns, besonders viele im Synchronbereich, scheinen als Unständige zufrieden zu sein. Sie freuen sich, kaum Rentenlücken zu haben. Nicht wenige von uns haben es satt, sie würden am liebsten als Selbständige gelten. Wie soll der BFFS vorgehen, damit einfachere, kompatible, gesetzliche Regelungen geschaffen werden, die alle von uns im Fall von Krankheit, Arbeitslosigkeit, Alter oder Pflegebedürftigkeit ausreichend sozial schützen, ohne dass uns die Sozialabgaben überfordern?

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Schon viel zu lange werden wir vorzugsweise bei Dreharbeiten zu Vorabendprogrammen heruntergedrückt mit „Sondergagen“. Was für ein zynischer Begriff! Denn hier genießen wir nicht, wie die Bezeichnung suggeriert, Sondergratifikationen für besonders tolle Leistungen, sondern hier werden wir mit absonderlich begründeten, absonderlich niedrigen Erstvergütungen abgespeist – ohne Anspruch auf Wiederholungsgelder. Darüber sollte bei der Mitgliederversammlung gesprochen werden, so die Planung – aber es kam leider anders.

Denn dieser Punkt fiel einem ganz anderen Druck zum Opfer. Eine Schauspielerin und ein Schauspieler stürmten wild kreischend in die Sitzung, bedrohten ihre Kolleginnen und Kollegen mit Gewalt und filmten ihren Angriff, der nur durch polizeiliches Eingreifen beendet werden konnte. Unsere Mitglieder waren nicht bereit, sich der Aggression zu beugen. Die meisten verließen während des narzisstischen Intermezzos demonstrativ den Saal und kamen erst wieder, als der Spuk vorbei war. Dennoch, er hallt nach. Das belegen viele Zuschriften, in denen Mitglieder ihren Schrecken und ihre Angst von der Seele schreiben. Wir vom Vorstand sind ebenso schockiert. Wir wissen um unsere Verantwortung und versprechen, alles zu unternehmen, um unsere Mitglieder künftig vor solchen Gewaltaktionen zu schützen.

Bis auf diesen Vorfall verlief die Mitgliederversammlung konstruktiv, es konnten alle Punkte behandelt und entschieden werden. Ja, für Versammlung und Leitung war das ein großer Kraftakt. Unsere Mitglieder haben nun einmal in vielen Dingen bunte und sehr unterschiedliche Auffassungen. Und in einer Gemeinschaft von über 3.400 Leuten finden sich natürlich immer einige, die über manche Mehrheitsentscheidungen frustriert sind, die Anstoß nehmen an bestimmten verbandsinternen Strukturen. Darüber wurde und muss wohl immer wieder gesprochen werden. Das kostet Zeit und Nerven. Aber die übergroße Mehrheit möchte keine Nabelschau, möchte kein Zurück. Die Mehrheit erwartet vom BFFS einen effektiven Einsatz, um die Interessen der Schauspielerinnen und Schauspieler gegenüber Theatern, Produzenten, Sendern, Politikern etc. kraftvoll und weiterhin erfolgreich zu vertreten. Diese Grundstimmung spiegelte sich im Debattenverlauf und auch in den konkreten Abstimmungsergebnissen wider:

  • 98,46 Prozent stimmten für die Aufnahme von Verhandlungen mit Privattheatern.
  • Der Antrag, den Bundesverband in weitgehend autonome Regionalverbände zu teilen, wurde ausführlich diskutiert und daraufhin von den Antragstellerinnen zurückgezogen.
  • 87,18 Prozent wollten nicht in ihrer Freiheit eingeschränkt werden, auch weiterhin auf ihren Mitgliederversammlungen alle Themen behandeln zu dürfen, auch solche, die nicht unbedingt auf allen Stammtischen vorher aufbereitet wurden.
  • 89,52 Prozent lehnten ab, künftige Mitgliederversammlungen in Frankfurt, Stuttgart oder Leipzig auszuschließen.
  • 85,62 Prozent sprachen sich gegen den Antrag aus, unsere Mitgliedsbeiträge denen der anderen Gewerkschaften anzupassen. Sie hielten damit am ursprünglichen Plan fest, wie im BFFS-IVS-Verschmelzungsvertrag vorgesehen, bis Ende 2021 einheitlich neue Beitragsstufen und neue Beitragssätze einzuführen.
  • 97,84 Prozent unterstützten den Plan des Vorstands, unsere Mitglieder per Online- (bzw. Brief-)Wahl zu befragen, wie sie die neuen Unständigkeitsabrechnungen bei Dreharbeiten empfinden und ob sie Anpassungen der Sozialversicherungsgesetze an ihre wechselhaften Erwerbsverhältnisse wünschen.
  • 97,95 Prozent votierten für die Empfehlung an den Vorstand, den BFFS-Gründer Michael Brandner wegen seiner Verdienste für die erste deutsche Schauspielgewerkschaft die Ehrenpräsidentschaft des Verbandes anzubieten.

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