© Linda Rosa Saal © jeannedegraa © Michael Ruscheinsky

Protestbrief

Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin,

sehr geehrte Damen und Herren Ministerpräsident*innen,

Wir protestieren aufs Schärfste!

Wir vom Bundesverband Schauspiel (BFFS) protestieren aufs Schärfste gegen die für den November angekündigten flächendeckenden Schließungen der Theater. Wir haben alle bisherigen Hygiene- und Schutzmaßnahmen zur Eindämmung der Covid-19-Pandemie mitgetragen. Sie waren schmerzhaft und haben viele von uns in existenzielle Krisen gestürzt, aber wir haben sie mitgetragen, weil wir sie als notwendig erkannt haben, um die exponentielle Ausbreitung des Covid-19-Virus zu stoppen.

Wir haben sie mitgetragen, auch wenn die Ausgestaltung der Kompensationen für das faktische Berufsverbot des ersten Lockdowns größtenteils an uns Schauspieler*innen vorbeigegangen sind. Wir haben sie mitgetragen, weil die begleitenden „Neustart Kultur” Maßnahmen darauf ausgerichtet waren, den Theatern zu ermöglichen, so schnell wie irgend möglich den Spielbetrieb unter Corona-Bedingungen wieder aufzunehmen. Wir haben sie mitgetragen, weil wir daran geglaubt haben, dass diese gemeinsame Anstrengung dazu führen würde, dass wir unseren Beruf so schnell wie möglich wieder würden ausüben können, wenn auch unter schwierigen Bedingungen.

Das ist jetzt in vorbildlicher Weise geschehen. Ein „ausverkauftes Haus” bedeutet nun zwar in der Regel um die 100 Zuschauer*innen, aber diese 100 Zuschauer*innen sind unendlich dankbar dafür, wieder das geistige Grundnahrungsmittel Kultur zu bekommen, das gerade in einer solchen Krise ein existenzielles ist, und die Hygiene- und Sicherheitsmaßnahmen haben dazu geführt, dass die Theater inzwischen zu den wenigen Orten gehören, an denen es keine nachgewiesenen Ansteckungen gibt. Es gibt derzeit wenig öffentliche Orte, an denen man vor Ansteckungen so sicher ist, wie in den Theatern. Im Gegenteil, die Schulen sollten sich einige der an den Theatern durchgeführten Maßnahmen ansehen und nachahmen, damit auch die Schulen sicherer werden. So wurden etwa im Berliner Theater TIPI alle Oberflächen mit einem virusabweisenden Lack gestrichen.

Aber statt von der Kreativität der Theater zu lernen, werden sie jetzt wieder geschlossen. Angesichts eines erneuten exponentiell ansteigenden Infektionsgeschehens erkennen wir selbstverständlich die Notwendigkeit neuer Maßnahmen an. Aber sie müssen sinn- und maßvoll sein. Theater zu schließen, obwohl sie derzeit kein Risiko darstellen, ist weder sinn- noch maßvoll. Gerade kleinere und nicht öffentlich geförderte Häuser werden diesen erneuten und vollkommen unnötigen Schlag vor den Bug nicht überleben. Und mit ihnen werden viele Schauspieler*innen ihren Beruf aufgeben müssen. Ein kultureller Kahlschlag ohne Beispiel wird die Folge sein.

Diese Maßnahmen sind unsinnig. Wir können sie nicht mehr mittragen. Wir protestieren aufs Schärfste gegen sie!

Berlin, den 28.10.2020

Der Vorstand des BFFS

Facebook Kommentare

Rechtsschutz für BFFS-Mitglieder