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Abschied von Götz George

13494770_1077161335692662_1569725031482623535_nEhrungen waren ihm suspekt. Wenn man so viele bekommt wie er sie in seinem reichen, langen und wirkmächtigen Schauspielerleben bekommen hat, wenn man darüber hinaus intelligent und reflektiert genug ist zu wissen, wie sehr die Qualität der eigenen schauspielerischen Arbeit letztlich auch von der Qualität der Arbeit anderer abhängt, dann ist das auch verständlich, dann wundert es nicht, wenn einer wie er bei der Verleihung eines Preises für sein Lebenswerk erst mal sagt: „Seid Ihr eigentlich alle bekloppt?“

So geschehen bei der vorletzten seiner zahlreichen Ehrungen, dem Ehrenpreis für sein Lebenswerk beim Deutschen Schauspielerpreis im Berliner Renaissance-Theater im Mai 2013. Genau so hat er es zwar nicht gesagt, und es bezog sich auch in erster Linie auf die Dauer der Veranstaltung, die – wenngleich sehr unterhaltsam – recht lang gewesen war, aber es fasst ganz gut seine Haltung zusammen. Er hat nie aufgehört zu kämpfen, auch da, wo er einfach nur geliebt und verehrt wurde, sah er potentielles Missverständnis und kämpferischen Handlungsbedarf. Nichts nahm er für gegeben an, kein Drehbuch, keinen Status, keine Gewissheit. Für ihn war Schauspielerei die Kunst, aus dem Moment heraus tief gehende Geschichten zu erzählen, Geschichten, die die Ambivalenz der menschlichen Seele nie verleugnen konnten, egal, in welches Genre er sich mit seinem Schauspielerkörper hineinwühlte.

Wir zitieren aus der Begründung für diesen Ehrenpreis: „Wer als Kollege mit ihm dreht, sollte sich darauf gefasst machen, dass erst einmal alles in Frage gestellt wird, was im Drehbuch steht. Sein Standpunkt ist, zusammengefasst, in etwa folgender: Papier ist geduldig, was zählt, ist die Situation und ein Körper, der sich in ihr verhalten muss. Wer nichts von Improvisation hält, sollte sich also von ihm fern halten. Wer sich aber auf das Abenteuer einlässt, wird mit einer schauspielerischen Intensität belohnt, die dem Kollegen wieder frisch in Erinnerung ruft, warum er mal diesen Beruf ergreifen wollte – und mit der er in den meisten Fällen den Kern der Szene weitaus besser trifft, als durch die vermeintlich korrekte Darstellung dessen, was das Drehbuch verlangt.“

Auch Zuneigung scheint ihm suspekt gewesen zu sein. In einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung  mutmaßte er im Alter von 74: „Die Zuwendung, die ich bekomme, die hat mit meinem Alter zu tun. Da werden sie immer sentimental, die Deutschen, spendenfreudig, weinen oft. Sind schnell bereit zu sagen: Ach, der ist jetzt auch schon so alt. Geben wir ihm noch ein paar Streicheleinheiten.“

Nun ja. Das mag im Allgemeinen ja stimmen, aber in seinem Fall…? Mit den Missverständnissen ist es so eine Sache. Wer sie überall wittert, ist noch lange nicht vor ihnen gefeit. Am 19. Juni 2016 ist Götz George in Hamburg gestorben. Ein großer Kollege geht. Und wir können nur hoffen, dass er sich trotz seines lebenslangen Kampfes gegen sämtliche Windmühlen dieser Welt immer auch der Ambivalenz der menschlichen Seele bewusst war, die er so meisterhaft auszudrücken verstand.

Götz George wird fehlen, aber die Kraft seiner Inspiration bleibt.

Über Hans-Werner Meyer

Hans-Werner Meyer wuchs in Norderstedt auf, einer großen Kleinstadt vor den Toren Hamburg. Und wenn es stimmt, dass jeder Künstlerexistenz ein Trauma zugrundeliegt, dann ist es hier zu suchen. Der Sohn eines Landschaftsarchitekten und einer Fremdsprachenkorrespondentin sah überall Grenzen: Jägerzäune um Grundstücke und in Köpfen und wählte zunächst den naheliegensten Weg, dagegen zu rebellieren, indem er sich mit den Halbstarken der Gegend herumtrieb.

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