PRO TAG SIND 6.300 VON UNS IM ENGAGEMENT, WIE VIELE NICHT?

Das ist ja ’ne Nummer! Früher stand allgemein die 832 für darstellende Künstler. Heute wissen wir, die 94494 leitet Theater bzw. die 94404 Produktionen, in denen die 94414 Regie führt und sich von 94413 Kaffee holen lässt (siehe auch die leichte Abstufung in der Endziffer), während pro Tag ca. 6.300 von uns als 94214 vor der Kamera oder auf der Bühne Texte sprechen, die uns von der 92434 auf den Leib geschrieben wurden.

Wie eine Nummer behandelt zu werden, erinnert uns zwar an manch traumatische Behördengänge, aber genauso ist es und sogar zu unserem Vorteil. Denn hinter diesem geheimnisvollen Zahlenspiel steckt die Bundesagentur für Arbeit, genauer ihre Statistikabteilung.

Aber fangen wir vorne an: Weil wir alle so scharf darauf sind, unsere Meldebescheinigungen zur Sozialversicherung zu studieren, die wir am Ende eines Engagements vom Arbeitgeber bekommen, werden sich viele von uns schon brennend dafür interessiert haben, was es dort mit dieser seltsam anmutenden Zahl hinter „Angabe zur Tätigkeit“ auf sich hat.

Nun, die Bundesagentur für Arbeit ist nicht nur für Arbeitslosengeld und Arbeitsvermittlung zuständig, sondern hat vom Gesetzgeber auch den Auftrag, Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, Arbeitsmarktbeobachtung und -berichterstattung und Arbeitsmarktstatistik zu betreiben. Als Basis dafür dient ihr diese kodifizierte „Angabe zur Tätigkeit“ auf unseren Sozialversicherungsnachweisen. Früher waren es entsprechend der alten dreistelligen und damit gröberen Klassifizierung der Berufe (KldB1988) nur die ersten drei Ziffern, die Auskunft über den ausgeübten Beruf gaben. Seit 2011 ist die differenziertere, fünfstellige Klassifizierung (KldB2010) im Einsatz. Zuvor war eine gezielte Abfrage der Schauspielbeschäftigungen nicht möglich. Die alte Kodierung 832 umfasste alle sozialversicherungspflichtigen Arbeiten als darstellende Künstler. Und zwar die eines bzw. einer…

Intendant/in, Regisseur/in, Regieassistent/in, Diplomregisseur (Uni) – Film-/Fernsehregie, Diplomregisseur (Uni) – Schauspielregie, Theater-Regisseur/in/Spielleiter/in, Film-/Fernseh-Regisseur/in, Ballettmeister/in, Tanzpädagoge/-pädagogin, Choreograf/in, Sänger/in, Chorsänger/in, Solosänger/in, Liedermacher/in, Gruppentänzer/in, Tänzer/in – klassisch, Tänzer/in – Show, Musical-Darsteller/in, Solotänzer/in – klassisch, Bühnentänzer/in, Schauspieler/in, Synchronsprecher/in, Inspizient/in, Souffleur/Souffleuse, Parodist/in, Conférencier, Komiker/in, Kabarettist/in, Diskjockey, Entertainer/in, Travestie-Künstler/in, Schnellzeichner/in, Scherenschneider/in, Animationskünstler/in oder Puppenspieler/in (Hochschule).

Immerhin konnten die Statistiker auf diese Weise nachweisen, dass seit 1999 bis 2011 pro Jahr zwischen 19.975 und 22.444 darstellende Künstler Beschäftigung gefunden hatten. Mit anderen Worten, die Zahl der stets sozialversicherungspflichtigen (deutschen) Schauspielleute konnte entgegen der übertriebenen Vorstellungen vieler, nicht darüber liegen, sondern bewegt sich wohl auch heute noch bei ca. 15.000, maximal 18.000.

Die jetzige Kodierung 94214 ist allein unseren Schauspieltätigkeiten vorbehalten, sei es als…

Action-Darsteller/in, Bühnendarsteller/in, Bühnenschauspieler/in, Charakterdarsteller/in, Darsteller/in, Film- und Fernsehschauspieler/in, Filmdarsteller/in, Filmschauspieler/in, Hörfunkschauspieler/in, Kammerschauspieler/in, Komödiant/in, Mimiker/in, Rezitator/in, Schauspieler/in, Schauspieler/in (Werbung), Synchronschauspieler/in, Synchronsprecher/in oder Theaterschauspieler/in.

Beinahe wären auch die vielen Kleindarsteller dazugezählt worden. Aber wir vom BFFS konnten gerade noch rechtzeitig aufklären, dass „Kleindarstellung“ nicht die schauspielerische Verkörperung kleinwüchsiger Menschen ist, wie die Arbeitsagenturstatistiker treuherzig annahmen (kein Scherz), sondern dieses „Klein“ sich vielmehr auf die darstellerische Herausforderung bezieht, mithin Kleindarstellung wie Komparserie oder Statisterie nicht mit der Schauspieltätigkeit in einen statistischen Topf geworfen werden darf.

Leider veröffentlicht die Bundesanstalt für Arbeit keine Zahlen mehr, die unmittelbar auf die Anzahl bestimmter Berufsangehöriger schließen ließe. Aber seit Dezember 2012 misst sie differenziert nach den neuen Berufskennziffern jeweils am Ende eines Jahresquartals (31. März, 30. Juni, 30. September und 31. Dezember) genau die Anzahl der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung an diesen Stichtagen. Seit Dezember 2013 erfasst sie auch die sogenannten „geringfügigen“ Beschäftigungen, also die, die als Minijob eingestuft werden.

Zwischen Dezember 2013 und Dezember 2015 wurde an den Quartalstagen nach unseren Berechnungen im Schnitt…

  • 6.268 Schauspielbeschäftigungen gemessen (also Dreh-, Theater- wie Synchronjobs), darunter
  • 45,52% von Frauen und 54,48% von Männern (daraus lassen sich aber keine Rückschlüsse über die Verhältnisse zu Anzahl, Größe und Attraktivität der weiblichen und männlichen Rollen ziehen, andere Quellen belegen insoweit deutlichere geschlechterspezifische Diskrepanzen),
  • 89,24% von Deutschen und 10,73% von Ausländern,
  • 11,00% von unter 25-jährigen, 71,72% von Leuten zwischen 25 und 55 Jahren, 11,53% von Leuten zwischen 55 und 65 Jahren und 5,75% von über 65-jährigen
  • und – soweit dies überhaupt vom Arbeitgeber angegeben wurde – 13,53% von Leuten ohne jeglichen beruflichen Ausbildungsabschluss, 35,10% von Leuten mit anerkanntem Berufsabschluss und immerhin 51,37% von Leuten mit akademischen Berufsabschluss (wobei hier nicht unbedingt von einem Abschluss im Schauspielberuf die Rede sein muss).
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20160801_SchauspielbeschäftigungenNun wird’s spekulativ: Kombinieren wir die bisherige Schätzung von ca. 15.000 – seien wir großzügig – 18.000 Schauspielerinnen und Schauspielern in Deutschland mit den nun gemessenen Schauspielbeschäftigungen an den Stichtagen, die keine extremen Schwankungen erkennen lassen, dann können wir schlussfolgern:

  1. Sehr wahrscheinlich fallen die Mengen der Schauspielbeschäftigungen in den Tagen zwischen den Stichtagen nicht anders aus.
  2. Während einer von uns eine Schauspielbeschäftigung hat, stehen 1½ bis 2 von uns daneben – ohne Engagement.

Dabei bleibt natürlich die Menge der ausschließlich selbständig bzw. scheinselbständig arbeitenden Kolleginnen und Kollegen unberücksichtigt. Darum dürfen wir für die Zukunft einen Anstieg der registrierten Schauspielbeschäftigungen vermuten, wenn die Synchronstudios endlich einsehen, dass die Synchronschauspielerei eine sozialversicherungspflichtige Tätigkeit ist. Warten wir es ab…

Aber wie auch immer, für eine unserer Grundthesen hätten wir diese oder andere Statistiken gar nicht erst bemühen müssen:

Es gibt nicht zu viele Schauspielleute – es gibt zu wenig Theater und Filme!

Über Heinrich Schafmeister

Heinrich Schafmeister wurde 1957 im Ruhrgebiet geboren, wuchs dort auf und erhielt dort seine wesentliche Prägung. Der Beruf seines Vaters – hoher Richter der Sozialgerichtsbarkeit – wirkte auf den jungen Heinrich eher abschreckend und er nahm sich fest vor, später einmal etwas ganz, ganz anderes zu werden. Die Beatles weckten in ihm die Liebe zur Musik. Er lernte Klavier, Gitarre und gründete seine erste Band. Nach dem er sein Abitur mit mathematisch-naturwissen­schaft­lichem Schwerpunkt bestanden und seinen Zivildienst als Krankenpfleger geleistet hatte, konnte er sich endlich ganz seiner musikalischen Leidenschaft widmen. Neben seiner Tätigkeit als Schauspieler ist er Schatzmeister des Bundesverband Schauspiel.

Siehe auch

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