Copyright Bankenverband - Bundesverband deutscher Banken

Unser Ruhm reicht nicht für die Rente

rente photo
Copyright Bankenverband – Bundesverband deutscher Banken

Letzten Monat erschien ein Debattenbeitrag unseres Vorstandsmitglieds Julia Beerhold bei „XING Klartext“, dem neuen Debattenformat der Internet-Plattform XING, der für viele Diskussionen gesorgt hat. Daher wollen wir ihn euch nicht vorenthalten. Ihr könnt euch auch noch bei der Debatte bei XING beteiligen!

  • Besonders Schauspielerinnen sind von Altersarmut betroffen
  • Über viele Jahre waren wir Künstler falsch sozialversichert
  • Teilweise kann nicht einmal der Mindestlohn gezahlt werden

Ich bin Schauspielerin geworden, weil ich Geschichten erzählen wollte. Die Geschichte der deutschen Sozialversicherung meinte ich damals eigentlich nicht.

Wir wollen erst mal nur eins: SPIELEN! Dafür brennen wir, dafür arbeiten wir bis zum Umfallen. An das Alter denken – zu weit weg. An die Rente? Total spießig. Und sobald wir im Beruf stehen, haben wir dafür noch weniger Zeit und Kraft, denn um auch nur die ersten Jahre zu überstehen, braucht es alles an Energie, was wir haben.

Das ist doppelt fatal. Die Frage, warum die meisten von uns (nicht nur) im Alter arm sind, ist keine Luxusfrage. In der Mitte unserer Gesellschaft ist ein Loch entstanden, ein Prekariat, wo man es nicht vermutet. Und das betrifft nicht nur künstlerische Berufe, sondern auch Bereiche wie Hochschullehre, Journalismus und viele andere.

Trotz Höchstsatz keine Rente

Warum sind nun besonders Schauspielerinnen und Schauspieler von Altersarmut betroffen? (Frauen übrigens noch stärker als Männer, weil sie immer noch weniger vorkommen. Und wenn sie vorkommen, werden sie schlechter bezahlt.)

Zunächst:

1. Wir sind weisungsgebunden, daher Angestellte, wir arbeiten also auf Lohnsteuerkarte. Nur sind wir selten durchgehend bei ein und derselben Firma beschäftigt, sondern von Projekt zu Projekt neu angestellt. Das nennt sich „kurz befristet beschäftigt“ und hat den Nachteil, dass man zwar immer einzahlt in die Sozialkassen, nur meistens die Anwartschaftszeiten nicht zusammen bekommt (für Rente, Arbeitslosengeld, Krankengeld, etc.).

2. Über all die Jahre wurden wir falsch sozialversichert. Wenn wir zum Beispiel das ganze Jahr über für eine Serie zur Verfügung standen, wurden wir trotzdem nur für die Tage versichert, die wir am Set waren. Obwohl ich also das ganze Jahr arbeite, habe ich am Ende vielleicht nur 30 Tage „gesammelt“, an denen ich versichert werde. Für diese Tage habe ich natürlich den Höchstsatz eingezahlt, bekomme aber niemals die Zeiten zusammen, um Arbeitslosengeld oder Rente zu bekommen.

Lesenswert:   Antworten von der FDP auf unsere 10 Fragen

Das war immer schon falsch, wurde aber erst 2008 durch Betreiben des Bundesverbands Schauspiel (BFFS) geändert. Für alle, die in letzten 50 Jahren so gearbeitet haben, bedeutet das: Altersarmut. Denn entgegen der landläufigen Meinung waren die Gagen nie so hoch, dass man davon ein Leben im Luxus führen konnte. Und wer auf die private Vorsorge gesetzt hat und damit vielleicht gescheitert ist, kann von Glück sprechen, heute wenigstens eine kleine Rente oder Hartz IV beziehen zu dürfen.

„Ehrenamtsverträge“ für den Nachwuchs

Doch selbst mit der längst überfälligen Gesetzesänderung ist unsere Rente bei weitem nicht sicher. In der Zwischenzeit hat sich nämlich ein solcher Gagenverfall ergeben, dass auch die jetzt arbeitenden Schauspielenden sich kaum von ihrem Beruf ernähren können. Wiederholungsgagen (in der ganzen Welt üblich) wurden abgeschafft, Theater zusammengelegt oder geschlossen, die Tarifgage dort entspricht knapp dem Mindestlohn. Im Fernsehen kämpfen fiktionale Sendeplätze gegen Koch- und Talkshows und „scripted reality“. Das tägliche Arbeitspensum wird verdoppelt, bei gleichzeitiger Kürzung der Gagen.  Übrigens: Die Filmhochschulen bieten den Mitwirkenden  neuerdings „Ehrenamtsverträge“ an, weil sie ihnen noch nicht mal den Mindestlohn zahlen können. Toll! Jetzt müssen gar nicht mehr bis zur Rente warten, um arm zu sein!

Fazit: Wer sich nicht schon zu Beginn seiner Karriere für das Thema „Altersarmut“ interessiert, sollte sich überlegen, warum er oder sie überhaupt einen künstlerischen Beruf ergriffen hat. Wer, wenn nicht wir, sollte sich für gesellschaftliche Zusammenhänge und Strukturen interessieren? Wir wollen Geschichten erzählen – und die Geschichte, wie Armut und Reichtum entstehen, wie in einer reichen Industrienation der Mittelstand weg bricht, wie akademisch ausgebildete Menschen (und nicht nur die!) trotz Vollbeschäftigung nicht von ihrem Beruf leben können – ich finde das eine äußerst spannende Geschichte. Das Schöne ist: Politik wird von Menschen gemacht. Also können Menschen sie auch verändern.

Mit freundlicher Genehmigung von XING. Der Beitrag ist in dieser Form bei XING erschienen, nachzulesen unter: https://www.xing.com/news/klartext/unser-ruhm-reicht-nicht-fur-die-rente-285?sc_o=da536_df1_1_t

Über Julia Beerhold

Julia Beerhold
Julia Beerhold wurde in Düsseldorf geboren mit dem Ziel, so schnell wie möglich etwas anderes zu sehen. Nach Aufenthalten in Malaysia, USA, Frankreich und Chile lebte sie etliche Jahre in Madrid und absolvierte dort auch ihr Schauspielstudium. Seitdem ist sie nicht weniger reiselustig, aber immerhin sesshaft in Köln. Nach Engagements an verschiedenen Bühnen und einer glanzvollen Karriere als Punkrockgitarristin bei den Bands KWIRL und G.C.Poma (Grrlism Causes Pimples On My Ass) tourte sie mehrere Jahre lang als Pianistin und Sängerin mit dem Serge-Gainsbourg-Abend „Ich liebe dich… ich auch nicht“.

Siehe auch

Doch, wir haben die Wahl

„Wir haben ja keine richtige Wahl“, lästern viele, vor allem Nichtwähler, „die Parteien unterscheiden sich …

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.