Der Kommentar zum Kommentar „Nicht jeder ist ein Schauspieler“

Copyright Gerhard Kemme
Copyright Gerhard Kemme

Armgard Seegers schreibt im Hamburger Abendblatt folgenden Kommentar. Abgesehen von ihrer vielleicht verständlichen aber für uns nicht wirklich interessanten Polemik gegenüber einem Prominenten, der sich als Schauspieler versucht (Oliver Pocher), legt sie ihren Finger aber auch in die Wunde des fragwürdigen Verhältnisses unserer Gesellschaft zum Schauspielerberuf.

Die Berufsbezeichnung „Schauspieler“ ist nun mal nicht geschützt. Sie kann es auch nicht sein, weil es viele Wege gibt, Schauspieler zu werden und gerade viele unserer Stars nicht den klassischen Weg über eine Schauspielausbildung gegangen sind. Dieser Beruf ist immer ein „Ritt über den Bodensee“, jede Rolle ein Risiko, egal, wie fundiert man ausgebildet ist. Und auch ein Oliver Pocher könnte sich theoretisch als begabter Schauspieler erweisen. Ob die implizite Kritik an seiner Arbeit vor der Kamera berechtigt ist oder nicht, kann ich nicht beurteilen, weil ich den Film nicht gesehen habe, sie ist für uns auch nebensächlich.

Wofür ich aber dankbar bin, ist die Tatsache, dass Armgard Seegers die sinkenden Schauspielergagen und den fehlenden Respekt gegenüber diesem Beruf beklagt, der in ihrer Kritik gegenüber einem Prominenten mitschwingt, der (ihrer Meinung nach) offenbar glaubt, Schauspielerei sei keine Kunst und kein Beruf, sondern die bloße Tatsache, vor einer Kamera zu stehen. Auch die Sender werden damit indirekt kritisiert, weil statt seiner nicht ein „richtiger Schauspieler“ engagiert worden ist.

Nichtsdestotrotz trifft diese Kritik nicht den Kern des Problems, nämlich das fehlende Bewusstsein für die Notwendigkeit, echte Qualität angemessen zu bezahlen. Dass die fehlende Wertschätzung für unseren Beruf die Ursache ist, mag sein, aber das Problem ist weniger die eine oder andere Besetzungsentscheidung, sondern die konstante Weigerung der öffentlich-rechtlichen Sender, die Notwendigkeiten des Filmemachers zur Kenntnis zu nehmen, die in einer angemessenen finanziellen Ausstattung der Budgets besteht.

Darum mein Aufruf an alle Kritiker und Journalisten, die beim Sichten von Filmen ähnliche Beobachtungen machen wie Armgard Seegers: Bei aller auch verständlicher Lust an der Häme (vor der Kamera wird man nun mal zur Projektionsfläche und bündelt sowohl die Begeisterung für einen Film als auch dessen Ablehnung), wenn Euch wirklich an Qualität in Film und Fernsehen liegt, schließt Euch unseren Forderungen nach echter Bezahlung für echte Qualität an! Nur so kann sie entstehen. Und erst dann kann sich ein Bewusstsein dafür bilden, das dann auch die Grundlage für Besetzungsentscheidungen wird.

Lesenswert:   Brauchen wir Kulturförderung?

Über Hans-Werner Meyer

Hans-Werner Meyer wuchs in Norderstedt auf, einer großen Kleinstadt vor den Toren Hamburg. Und wenn es stimmt, dass jeder Künstlerexistenz ein Trauma zugrundeliegt, dann ist es hier zu suchen. Der Sohn eines Landschaftsarchitekten und einer Fremdsprachenkorrespondentin sah überall Grenzen: Jägerzäune um Grundstücke und in Köpfen und wählte zunächst den naheliegensten Weg, dagegen zu rebellieren, indem er sich mit den Halbstarken der Gegend herumtrieb.

Siehe auch

Stehempfang am 14.2.2017 im Bundesfamilienministerium „Faire Einkommensperspektiven für Frauen und Männer“

Unser anlässlich der diesjährigen Berlinale in Kooperation mit dem Bundesfamilienministerium durchgeführte Stehempfang zur Vergütung und …

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.