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Wir stellen vor: die Initiative „Rollenfang“

Die Bilder, die wir in fiktionalen Produktionen sehen, sind nicht nur Abbild unserer Wirklichkeit – sie prägen diese ebenso mit.

Professionelle Schauspielerinnen und Schauspieler mit Behinderung sind daher ein wichtiger Faktor für lebendige, realistische und facettenreiche Geschichten – ganz abgesehen davon, dass alle Menschen ein Recht haben, im kollektiven Erzählen vorzukommen. Und zwar nicht reduziert auf ihre Eigenschaft als „Menschen mit Behinderung“, sondern schlicht und einfach als Menschen.

Wir freuen uns daher Ihnen die Initiative „Rollenfang“ vorzustellen, die der BFFS von Anfang an unterstützt. „Rollenfang“ ist eine Plattform für Schauspielerinnen und Schauspieler mit geistiger oder körperlicher Behinderung, deren künstlerischer und beruflicher Werdegang begleitet und gefördert werden soll.

Rollenfang richtet sich vor allem an Schauspielerinnen und Schauspieler, die schon erste Erfahrungen in Theaterprojekten oder Filmprojekten gesammelt haben. Die Idee für Rollenfang stammt von Wolfgang Janßen, dem langjährigen ehemaligen Verwaltungsleiter der Berlinale. Gemeinsam mit dem erfahrenen Kultur- und Bildungsmanager Matthias Brettschneider entwickelte er seit 2013 Strategie und Konzept. Seit Mai 2015 hat Rollenfang eine mehrjährige Grundförderung durch Aktion Mensch und mit dem VIA Verbund einen Träger.

Wir wollen alle sehen!

von den Initiatoren von Rollenfang Wolfgang Janßen und Matthias Brettschneider

Rollenfang
© Wolfgang Janßen/VIA Verbund GmbH

Inklusion ist in aller Munde, doch noch immer sind Menschen mit Behinderung im deutschen Film und Fernsehen eine Ausnahme. Mit Rollenfang gibt es jetzt eine Plattform für professionelle Schauspielerinnen und Schauspieler mit Behinderung.

Die Bedeutung von Behinderung und Anderssein hat sich für mich, seit mein Patenkind Max vor 18 Jahren mit Down Syndrom geboren wurde, verändert. Es geht nicht mehr nur um ein theoretisches oder politisches Anliegen, sondern um etwas, das zu einem Teil meines Alltagslebens geworden ist.

Max entwickelte schon in seiner frühesten Kindheit ein ausgeprägtes Faible für Rollenspiele: auf Familienfeiern weist er bis heute allen Gästen Rollen und Aufgaben zu und dirigiert mit Hingabe und Freude, wer wann, wo und wie auftreten und agieren soll. Für uns alle bleiben diese Augenblicke besondere Erinnerungen. Max hatte das Glück, seine Begabungen weiter entwickeln zu können. Als Filmsohn von Corinna Harfouch und Matthias Brand durfte Max im Jahr 2010 in dem ZDF-Fernsehfilm „Tod einer Schülerin“ mitspielen. Seit dieser Zeit steht der Berufswunsch von Max fest: „Ich will Schauspieler werden!“

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Die Arbeit am Filmset fasziniert Max. Denn er konnte erleben, dass ein ganzes Team nichts anderes macht als er selbst – nämlich „Feste“ zu inszenieren. Dass das Arbeit ist, beeindruckt ihn tief. Seitdem gehört das Vokabular der Filmwelt fest zu seinem Wortschatz und zu seinen eigenen Inszenierungen.

Max’ Wunsch, Schauspieler zu werden, und sein künstlerisches Talent stoßen uns auf ein Problem, das uns nicht loslassen sollte: Warum spielen professionelle Schauspielerinnen und Schauspieler mit Behinderung in Film und Fernsehen eine so geringe Rolle? Mit der Gründung von Rollenfang möchten wir zur Veränderung dieser Situation beitragen. Im Theaterbereich arbeiten bereits eine Reihe von Projekten daran, Menschen mit Behinderungen als professionelle Schauspielende öffentlich sichtbar zu machen. Dabei gelingt es innerhalb des Ensembles mit den Schauspielerinnen und Schauspielern einen verlässlichen Rahmen zu schaffen, der über ein einzelnes Theaterprojekt hinausreicht. Die Theaterfamilie, die über viele Jahre ein Bezugssystem mit Vertrauenspersonen ermöglicht, ist für viele Menschen mit Behinderung die Voraussetzung, um ihr kreatives, künstlerisches und intellektuelles Potenzial zu entfalten.

Bei Film- und Fernsehproduktionen sieht das anders aus: Schauspielerinnen und Schauspieler mit Behinderung sind nicht nur weiterhin eine Ausnahmeerscheinung, sie sind meist auch noch auf das festgelegt, was sie im realen Leben charakterisiert. Bleibt es dann in der Regel auch nur bei diesem einen, begrenzten Auftritt, haben Schauspielerinnen und Schauspieler mit Behinderung keine Chance, sich über mehrere Rollen zu entwickeln und zu beweisen.

Weil Film- und Fernsehproduktionen ganz anderen äußeren Beschränkungen unterliegen – Zeit für einen angemessen Vorlauf, Budget und Infrastruktur sind immer knapper werdende Ressourcen – verzichten Filmschaffende eher darauf, Schauspielerinnen und Schauspielern mit Behinderung zu besetzen. Eng wird damit jedoch nicht nur der Produktionsrahmen. Auch unser Bild von der Welt wird beschnitten: Wir erfahren nicht, was z.B. ein Schauspieler mit Down-Syndrom uns über diese Figur erzählen kann. Wir sehen nicht, welche Nuancen Darsteller ohne Sehvermögen in den fiktiven Charakteren aufspüren. Vor allem aber fällt es Menschen mit Behinderung schwer, sich in der Welt der Bilder wiederzufinden.

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Das ist keineswegs trivial: So entstehen weder adäquate Rollen noch affirmative Rollenbilder – von uns selbst, von anderen, von der Welt.

Wir wollen und werden Filmschaffende, Produzierende und Sender auf die Möglichkeiten hinweisen, die aus der Zusammenarbeit mit Schauspielerinnen und Schauspielern mit Behinderung erwachsen. Die Filmindustrie werden wir dabei beraten, die persönlichen und technischen Voraussetzungen für die Arbeit mit Schauspielerinnen und Schauspielern mit Behinderung zu schaffen. Mit der Unterzeichnung der von uns initierten Charta „Wir wollen alle sehen! –  Inklusion im Film“ unterstützen bereits mehrere Filmschaffende die Ziele von Rollenfang. Dabei sind schon unter anderem Julia Beerhold seitens des BFFS, Corinna Harfouch, Dieter Kosslick und Wim Wenders.

Neben der Charta bietet Rollenfang noch weitere, konkrete Maßnahmen, um den künstlerischen und beruflichen Werdegang von Schauspielerinnen oder Schauspielern mit Behinderung zu unterstützen und so Aufmerksamkeit für deren besondere Anliegen beim Film und Fernsehen zu schaffen. Unter anderem vermitteln und begleiten wir Patenschaften zwischen etablierten Schauspielerinnen und Schauspielern und Schauspielerinnen und Schauspielern mit Behinderung. Wann immer es sich anbietet, loten die Paten innerhalb ihrer eigenen Projekte Möglichkeiten für die künstlerische und berufliche Entwicklung ihres Protegés aus und weisen in der Öffentlichkeit auf die Ziele von Rollenfang hin.

Schauspielerinnen und Schauspieler mit Behinderung wollen wir des weiteren weiterbilden, qualifizieren und ihnen einen individuellen Coach zur Seite stellen, der langfristig immer wieder gemeinsam mit dem Schauspielenden mit Behinderung engagiert wird und damit ein eingespieltes und vertrautes Tandem entstehen kann. So wird der teilweise notwendige Aufwand bei der Zusammenarbeit mit Schauspielerinnen und Schauspielern mit Behinderung für beide Seiten, die Filmproduktion und den Menschen mit Behinderung, von Projekt zu Projekt mehr und mehr zu einem künstlerischen und zwischenmenschlichen Gewinn.

Wenn Sie Rollenfang unterstützen wollen, an der Charta, dem Patenschafts- oder dem Coachingprogramm interessiert sind, freuen wir uns auf Nachricht von Ihnen.

Rollenfang
VIA Verbund gGmbH
Schönhauser Alle 175
10119 Berlin
www.via-berlin.de
www.rollenfang.de

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Wolfgang Janßen
wolfgang.janssen@rollenfang.de
+49 173 606 83 97

Über Julia Beerhold

Julia Beerhold
Julia Beerhold wurde in Düsseldorf geboren mit dem Ziel, so schnell wie möglich etwas anderes zu sehen. Nach Aufenthalten in Malaysia, USA, Frankreich und Chile lebte sie etliche Jahre in Madrid und absolvierte dort auch ihr Schauspielstudium. Seitdem ist sie nicht weniger reiselustig, aber immerhin sesshaft in Köln. Nach Engagements an verschiedenen Bühnen und einer glanzvollen Karriere als Punkrockgitarristin bei den Bands KWIRL und G.C.Poma (Grrlism Causes Pimples On My Ass) tourte sie mehrere Jahre lang als Pianistin und Sängerin mit dem Serge-Gainsbourg-Abend „Ich liebe dich… ich auch nicht“.

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